Neue Wege

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Neulich diskutierten wir mit Freunden darüber, weshalb wir uns immer mehr dem „System“ entziehen: Mein Mann hat seine Stelle als AHS-Lehrer gekündigt, um sich als Shiatsu-Praktiker selbständig zu machen. Ich bin als freiberufliche Journalistin und Autorin tätig, unsere Tochter besucht seit einem Jahr eine Waldorfschule. Wir haben kein Auto, nutzen vermehrt alternative Konsum- und Tauschmodelle. Wir öffnen unser Heim und unsere Herzen für Fremde, etwa beim Couchsurfing oder in Form einer Flüchtlingspatenschaft.

Die Frage, die sich mir bei solchen Diskussionen stellt, ist: Wollen wir das bestehende System wirklich unterstützen? Oder braucht es vielmehr Menschen, die andere, neue Wege gehen – und Schulen, die solche Menschen ausbilden? Wir sprechen von einem neoliberal geprägten System, das Leistungs- und Ellbogendenken vor ein soziales Miteinander stellt und in dem die Gesellschaft zunehmend in zwei Lager gespalten wird. Von einem Wirtschaftssystem, das Profit vor den Menschen und die Umwelt stellt, das für Ausbeutung von Arbeitskräften, Umweltverschmutzung und Klimawandel steht. In diesem verkehrten und rückständigen System sind umweltverträgliche und fair produzierte Angebote teurer als solche, die auf Kosten der Umwelt und Arbeiter gehen.

Dazu gehört auch ein veraltetes und starres Schulsystem, das mehr Wert auf Leistung und Noten legt als auf die Entwicklung des Kindes. Schulen, die es sich dagegen zur Aufgabe machen, die Entfaltung der Persönlichkeit sowie schöpferische und soziale Fähigkeiten zu fördern, müssen von den Eltern aus der eigenen Tasche bezahlt werden. In diesem System ist es weiters nur konsequent, dass ganzheitliche medizinische Methoden, die den Menschen als Einheit aus Körper, Geist und Seele betrachten, für einen großen Teil der Bevölkerung unerschwinglich sind. Gefördert wird hingegen eine Medizin, die sich das Reparieren von Menschen zur Aufgabe gemacht hat und Symptombekämpfung statt Ursachenforschung betreibt. Es ist ein System, das Leistung und Intellekt vor ein ganzheitliches Denken stellt und Menschen gegeneinander ausspielt – eine Entwicklung, die besonders gut in den sozialen Medien zu beobachten ist. Unterstützt wird diese Entwicklung von einem Journalismus, der sich auf Negativschlagzeilen und Probleme konzentriert statt den Fokus auf konstruktive Lösungsvorschläge zu legen. Angst- und Panikmache zählen mehr als Nachrichten, die Mut machen und neue Wege aufzeigen. Und damit schließt sich der Kreis: Rechtspopulisten machen sich diese einseitige Berichterstattung zunutze und treiben einen Keil in die Gesellschaft.

In Zeiten wie diesen ist es daher notwendig, einen gemeinsamen Weg zu finden, um den wachsenden Herausforderungen und der zunehmenden Kälte in unserer Gesellschaft etwas entgegen zu setzen. Ich glaube, dass es notwendig ist, Herz und Intellekt zu verbinden, wenn wir zurück zu unserer Mitte finden möchten. Dazu braucht es allerdings Menschen, die den Mut haben, Althergebrachtes in Frage zu stellen und gegen den Strom zu schwimmen – kurz, dem System den Rücken zu kehren.

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