Schokolade für Fortgeschrittene

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In einem kleinen steirischen Ort führt Josef Zotter sein weltweit bekanntes Unternehmen. Und setzt dabei auf nachhaltiges Wirtschaften.

Das kleine Dorf Bergl in der Oststeiermark, nahe Riegersburg: es ist ein ruhiger Vormittag, die Besucher der Zotter-Schokolademanufaktur treffen nur langsam ein. „In der Hochsaison haben wir bis zu 2000 Gäste täglich“, erzählt die Mitarbeiterin am Empfang. Das Unternehmen ist zum Magnet für Besucher aus aller Welt geworden, seit die hauseigenen Schokokreationen bis nach China exportiert werden. Ob Apfel-Karotten-Schokolade mit Ingwer, Honig-Zimt-Trinkschokolade oder Schoko-Reisflakes in Kokos und Orange: mit seinen außergewöhnlichen Kreationen in Bio- und Fairtrade-Qualität hat Josef Zotter sich weltweit einen Namen gemacht. Am Standort in Bergl ist das ökologische Denken allerorts sichtbar: Die Tankstelle für Elektroautos am Parkplatz, neun Sonnenkollektoren, die sich wie Sonnenblumen mit der Sonne drehen, sind weithin zu sehen.

©Susanne Wolf

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Geschäftsführer Josef Zotter steht in seinem weißen Arbeitsmantel in der Türe und vibriert förmlich vor Elan. In seinem Büro wachsen Kakaopflanzen, am Fenster steht ein Fernrohr, mit dem der Unternehmer sein Reich überblicken kann – 74 Hektar Landwirtschaft.

Insourcing statt Outsourcing Wenn der 54 jährige spricht, ist es ihm anzumerken, dass die neue, nachhaltige Art des Wirtschaftens, für das das Unternehmen Zotter steht, sein persönliches Anliegen ist. Bereits in seiner Jugend war der Steirer „in der Szene“, beteiligte sich an der Besetzung der Hainburger Au und demonstrierte gegen Atomkraft. „Frag nie den Markt, was er sich wünscht, sondern mach‘, was du für richtig hältst“, ist eines seiner Lieblingszitate, das es bis an die Harvard Universität schaffte. Dort steht Zotter als einziges österreichisches Unternehmen als Fallbeispiel auf dem Lehrplan. Die drei Säulen, auf denen das Unternehmen steht, sind Bio, Fair und Bean-to-Bar, die Herstellung der Schokolade von der Bohne bis zum Schokoriegel. „Es geht mir um Insourcing statt Outsourcing, um die Schaffung von Arbeitsplätzen“, erklärt der Firmenchef.

©Zotter

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Die Schokoproduktion findet in der hauseigenen Manufaktur statt, Besucher können durch große Glaswände zusehen und dabei die verschiedenen Sorten kosten, von der Rohmasse bis zur fertigen Schokolade.

Dem Essen in die Augen schauen Auf dem Weg zum Essbaren Tiergarten schreitet Josef Zotter mit großen Schritten voran und erzählt, dass er mit diesem Konzept den Besuchern ihr Essen wieder näher bringen möchte. „Lebensmittel haben keinen Wert mehr, die Gesellschaft hat den Bezug zum Essen verloren.“ In seinem Bio-Tiergarten leben alte Nutztierrassen wie Hochlandrinder oder Wollschweine; ein Teil davon wird im hauseigenen Restaurant serviert, weitere Tiere wie Lamas oder Hausratten finden sich im Streichelzoo. „Schau dem Essen in die Augen“, ist Zotters Motto, für das er anfangs viel Kritik erntete. Doch er steht weiterhin auf dem Standpunkt, dass es nichts nütze, den Menschen zu sagen, dass es böse sei, Fleisch zu essen. „Wir zeigen den Leuten lieber, wo das Fleisch herkommt und jeder soll dann für sich selbst entscheiden, wie groß das Schnitzel wird.“ Auf dem Gelände ist überall Josef Zotters Humor und Liebe zum Detail sichtbar: Etwa beim „Golfplatz“, wo die Schnauze eines alten VW-Golfs in der Wiese steckt.

©Susanne Wolf

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Oder die „Schwiegermutter-Ecke“ im Kräutergarten. „Das sind die giftigen Pflanzen“, lacht Zotter.

Erneuerbare Energien Der Essbare Tiergarten ist energieautark und wird durch die Photovoltaikanlage versorgt. Die überschüssige Energie wird in die Produktion des Schokoladenwerks eingespeist und deckt gemeinsam mit dem Biomasse-Dampfkraftwerk den Energiebedarf bis zu 60 Prozent ab. 40 Prozent bezieht die Manufaktur als Öko-Strom von der Oekostrom GmbH. „Unser Ziel ist es, in fünf bis zehn Jahren komplett energieautark zu sein, das sieht auch die EMAS-Zertifizierung vor, die wir seit kurzem haben.“ Dabei ginge es nicht nur um den ökologischen, sondern auch um den wirtschaftlichen Aspekt. „Energie wird zunehmend zum Thema und je mehr du davon selbst produzierst, desto wettbewerbsfähiger bist du“, ergänzt Zotter. „Wir haben zum richtigen Zeitpunkt auf das richtige Pferd gesetzt.“ Sogar die Kakaoschalen werden im Dampfkraftwerk in Wärme umgewandelt oder zum Düngen der Beete im Essbaren Tiergarten verwendet. Zur Warmwasserversorgung wird Erdwärme genutzt.

Handschlagqualität Das Angebot in der „Essbar“, dem hauseigenen Restaurant, ist biologisch, durch die Glaswand genießt man einen schönen Blick auf das Gelände.

©Susanne Wolf

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Draußen spazieren ein paar Gänse vorbei. „Nachhaltig wollen ja alle sein, aber wenn man sie fragt, warum sie nichts tun, kommt die Antwort: Ich kann nicht, weil es der Markt nicht zulässt“, kritisiert Zotter und spricht sich für mehr kleinstrukturierte Unternehmen mit Handschlagqualität aus. Und für faire Produktion. „Unsere Produkte sind Fairtrade-zertifiziert, weil ich weiß, unter welchen Bedingungen herkömmliche Kakaobauern leben. Ich betrachte die Bauern als meine Partner, die ihre Würde behalten können.“ Zotter besucht seine Partner-Kooperativen in den Herkunftsländern wie Brasilien, Peru oder Indien regelmäßig und setzt auf die komplette physische Rückverfolgbarkeit der Fairtrade-Produkte – und nicht auf Massenausgleich, wie er von Fairtrade bei manchen Produkten angewendet wird. „Für uns ist es logisch, dass wir nicht irgendwelchen Kakao, sondern exakt denjenigen aus der Partner-Kooperative erhalten.“ Zotter zahlt den Kakaobauern zudem weit mehr, als Fairtrade vorschreibt. Auch wenn wir Wert auf Nachhaltigkeit legen, sind wir nicht perfekt“, räumt Zotter ein. Als Beispiel nennt er die Firmenwagen: Zwar stehen Elektroautos zur Verfügung, aber für längere Strecken gibt es auch benzinbetriebene Autos mit Plug-In zum Aufladen mit Strom. „E-Tankstellen zu finden, ist allerdings nicht gerade einfach, auch nicht in Wien“, kritisiert Zotter. „Das zeigt wieder, dass wir kein Wirtschaftsproblem haben, sondern in die Öko-Wirtschaft investieren müssen.“

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2 Kommentare

  1. zotter ist eine faszinierende persönlichkeit und seine schokoladen sind sehr speziell!
    kleiner tipp: vor einem besuch in der manufaktur das mittagessen ausfallen lassen! 😉

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