Hotel mit Seele

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„Buenas Noches, Señorita!“ Die spanische Touristin, die an der Rezeption des magdas Hotel eingetroffen ist, nimmt lächelnd den Zimmerschlüssel entgegen. Das Licht in der Hotellobby ist gedämpft, Portraits aller Mitarbeiter schmücken die Wand, eingefasst in Vintage-Bilderrahmen.
©Paul Kranzler

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Nach einem langen Tag kehrt Ruhe ein in magdas Hotel. Es hat sich herumgesprochen, dass dieser Ort etwas hat, das in Europa einzigartig ist: Aus einem ehemaligen Seniorenheim wurde ein Hotel, das von anerkannten Flüchtlingen mit Unterstützung von Hotelprofis geführt wird. 20 ehemalige Flüchtlinge, fünf Profis aus der Hotellerie und ein Job-Coach aus insgesamt 16 Ländern arbeiten hier.

Begeisterte Hotelgäste  Dinis Angsberg war 17 Jahre alt, als er aus seiner Heimat Guinea Bissau, Westafrika flüchtete und in einem Containerschiff über das Mittelmeer nach Europa gelangte. „Ich war als Kritiker des Regimes im Land nicht mehr erwünscht.“ Nur mit einem Schülerausweis in der Tasche beantragte Angsberg Asyl. „Ich musste drei Jahre warten, bis ich zu einem Interview eingeladen wurde“, erzählt der heute 28 jährige. Neun weitere Jahre vergingen, bis dem Asylantrag endlich stattgegeben wurde. „Da ich während dieser Zeit offiziell nicht arbeiten durfte, half ich ehrenamtlich in einem Pensionistenheim aus.“ Während Angsberg etwas in seinen Comuter tippt, erzählt er von einem Tourismuslehrgang, den er besuchte, um sich das Warten auf einen Asylbescheid zu verkürzen. 40 Euro Taschengeld bekommen Asylwerber monatlich vom Staat, meist sind sie in Flüchtlingsunterkünften untergebracht. Angsberg hatte das Glück, von einer Bekannten finanziell unterstützt zu werden und konnte sich daher eine kleine Wohnung leisten. „Ich habe immer wieder Hilfe von der Bevölkerung bekommen, während mir die Regierung nur Steine in den Weg gelegt hat.“

©Paul Kranzler

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Durch die Caritas erfuhr Dinis von dem Hotel, das Mitarbeiter suchte und bewarb sich. „Es sollte mehr solche Projekte auf der ganzen Welt geben!“ Die Augen des Westafrikaners leuchten, als er von seiner Schwester erzählt, die ebenfalls eine Stelle im Hotel bekommen hat. Dann unterbricht er, um einen neu angekommenen Hotelgast willkommen zu heißen. „I’m so excited to be here!“ ruft die junge Frau und erzählt, dass sie alle Medienberichte über magdas Hotel verfolgt habe. Esterellen Nelson ist aus Island angereist, um an einem Meeting des European Anti Poverty Network teilzunehmen, und kennt die Situation von Flüchtlingen in ihrem eigenen Land. „In Island haben Asylwerber es genauso schwer wie hier“ erzählt sie. „Das scheint ein europaweites Problem zu sein.“

Aus alt mach neu Barkeeper Ali macht gerade Pause. Vor zwölf Jahren kam der Algerier – er will seinen richtigen Namen nicht nennen – mit seiner Familie nach Österreich. Als einer der ersten Flüchtlinge in Österreich konnte er dank einer Gesetzesänderung eine Lehre beginnen. Ali genießt heute subsidiären Schutz, das heißt befristeten Schutz vor Abschiebung. „Ich muss mein Aufenthaltrecht alle zwei Jahre verlängern lassen“, erzählt der 21 jährige. magdas Salon füllt sich nach und nach mit Gästen, entspannte Lounge-Musik ist im Hintergrund zu hören. Wo früher Pensionisten zusammen saßen, werden nun an der hoteleigenen Bar Cocktails und Bier an Wiens Nachtschwärmer ausgeschenkt.

(c) Paul Kranzler

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Vor allem junge Leute sitzen an alten, bekritzelten Schultischen, die neue Verwendung als Bartische fanden. Die Stühle aus dem ehemaligen Seniorenheim sind mit neuem, farbigem Stoff bezogen. Das gesamte Hotel wurde durch sogenanntes Upcycling neu gestaltet: Einige der Möbel in den Hotelzimmern sowie in Lobby, Restaurant und Bar stammen vom Secondhand-Markt carla, einem Marktplatz der Caritas. Andere wurden von ehemaligen Bewohnern hinterlassen oder von der Bevölkerung für das Projekt gespendet. Zahlreiche Firmen unterstützten das Projekt finanziell, Freiwillige aus der Nachbarschaft halfen beim Umbau. Mehrere Unternehmen spendeten Einrichtungsstücke; alte Kofferablagen aus Zügen der Österreichischen Bundesbahnen dienen nun in den Hotelzimmern als Garderoben. Ali hat seine Pause beendet und mixt einen Drink hinter der Bar. „Natürlich würde ich gerne hier bleiben – Wien ist mein Zuhause, hier habe ich meine Familie und Freunde.“ Er hat mit der Ungewissheit zu leben gelernt.

Ein neues Zuhause Der junge Somali Assad hatte das Glück, eine Universitätsprofessorin kennen zu lernen, die sich unermüdlich für ihn einsetzte. Sie kümmerte sich darum, dass der junge Mann in magdas Hotel unterkam. Heute lebt Assad mit einigen anderen jungen Asylwerbern in einem Seitentrakt von magdas Hotel. „Frau Frühwirt (Name geändert), der ich es verdanke, hier zu sein, besucht mich regelmäßig und kocht für die ganze WG“, erzählt Assad im Gemeinschaftsraum. Die Wohngemeinschaft „Nuri“ wird von der Caritas betreut, 15 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zwischen 14 und 18 Jahren haben im Erdgeschoss ein vorübergehendes Zuhause gefunden. „Im 1. Stock wohnen weitere 13 junge Menschen über 18 Jahren, die von uns nachbetreut werden“, erklärt Mirela Meric, Leiterin der Wohngemeinschaften in magdas Hotel. Denn sobald die Flüchtlinge volljährig sind, stehen sie alleine da, meist ohne abgeschlossenes Asylverfahren und in laufender Ausbildung. „Asylverfahren werden oft erst nach der Volljährigkeit abgeschlossen, da es dann kein offizielles Recht mehr auf Familienzusammenführung gibt“, kritisiert Meric. Sie plädiert dafür, mehr auf die Bedürfnisse der jungen Flüchtlinge einzugehen. „Manche warten monatelang in der Erstaufnehmastelle Traiskirchen, wo sie keine Beschäftigung haben und nicht wissen, wie es weitergeht.“ Viele, vor allem Mädchen, seien von der Flucht traumatisiert und bräuchten Betreuung. „Nur extrem auffällige, traumatisierte Jugendliche werden psychologisch betreut“, sagt Meric. Der siebzehnjährige Ahmed kommt gerade aus seinem Zimmer, er flüchtete vor drei Jahren alleine aus Afghanistan. Im Gastgarten von magdas Hotel erzählt er seine Geschichte.

Susanne und Ahmed

Susanne und Ahmed

„Der Schlepper hat 10.000 Euro verlangt, das konnte sich meine Familie nur einmal leisten.“ Da Ahmed der älteste Sohn war, wurde er losgeschickt. Seine Flucht dauerte drei Monate und führte ihn über Pakistan und den Iran in die Türkei. Dort bestieg er einen LKW, der ihn nach Österreich brachte. Heute besucht Ahmed ein Gymnasium – eine Seltenheit unter Asylwerbern. „Das Gymnasium ist nicht leicht, aber ich möchte es schaffen“, sagt Ahmed bestimmt. Nebenbei lernt der Siebzehnjährige deutsch und ist Mitglied eines Volleyballvereins. „Die anderen WG-Mitglieder sind wie eine Familie für mich, die Älteren helfen den Jüngeren.“

Ungewisse Zukunft Die meisten Asylwerber in Österreich sehen einer ungewissen Zukunft entgegen, auch Ahmed wartet seit Jahren auf eine Entscheidung bezüglich seines Asylantrages. „Die Jugendlichen stehen unter enormem Druck seitens ihrer Familien, die für die Flucht aufgekommen sind, sie fühlen sich in deren Schuld“, erklärt Meric und sieht ihren Schützling besorgt an. Ahmed wirkt ernst und nachdenklich, man merkt, dass ihm die Ungewissheit seine Zukunft betreffend zu schaffen macht. „Ich gehe gerne zur Schule und bemühe mich, gut abzuschneiden, aber an manchen Tagen frage ich mich: wozu das alles, wenn ich vielleicht gar nicht hierbleiben kann? Dann grüble und grüble ich und komme zu keinem Ergebnis.“ Auf die Frage, ob er sich trotzdem in Österreich willkommen fühlt, meint Ahmed: „Die meisten Leute, die ich kennen gelernt habe, sind sehr nett und hilfsbereit, aber es gibt auch Menschen, die keine Flüchtlinge in ihrem Land haben wollen.“ Die Bewohner der WG Nuri haben dazu ihre eigene Meinung: „Kein Flüchtling verlässt freiwillig sein Land.“

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