Nichts bleibt, wie es war

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Nun ist er da, der zweite Lockdown und die Diskussionen rund um dessen Notwendigkeit werden härter. Je weiter diese Krise fortschreitet, desto mehr frage ich mich, wohin unsere Gesellschaft steuert. Zusammenhalt wäre gerade in dieser schwierigen Zeit angesagt.

Die Meinungen gehen in fast allen Bereichen auseinander: Hier die steigenden Infektionszahlen, dort kritische Stimmen, die fordern, diese Zahlen differenzierter zu betrachten. Hier die drohende Gefahr mangelnder Krankenhausbetten, auf der anderen Seite Berichte von Medizinern, dass es solche Fälle bereits in Grippeepidemien gegeben habe. Hier die Stimmen, die sofortige Schulschließungen fordern, dort die Experten, die für die Offenhaltung plädieren. Menschen, die Angst vor einer Ansteckung haben, werden lächerlich gemacht und andere, die sich kritisch zu den Maßnahmen äußern, als rechte Verschwörungstheoretiker abgestempelt.

Wenn mir der Kopf schwirrt von einander widersprechenden Meinungen, frage ich mich: Gibt es nur noch entweder oder, schwarz oder weiß? Dieses Virus wirft Fragen auf, wirbelt vorgefertigte Meinungen durcheinander und sorgt dafür, dass wir uns selbst immer wieder hinterfragen müssen.

Was mir am meisten Sorgen bereitet: Menschen, die sich nicht an die Regeln halten, werden von Nachbarn verpfiffen. Manche wünschen sich offen einen Polizeistaat, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern. In regelmäßigen Abständen werden neue Sündenböcke gefunden: Spaziergeher, Urlaubsrückkehrer, feiernde Jugendliche. Letztendlich wird diese Krise auf dem Rücken unserer Kinder ausgetragen: Untersuchungen zeigen, dass junge Menschen besonders unter der Einschränkung von persönlichen Kontakten leiden und psychische Probleme bei Jugendlichen seit der Corona-Krise zugenommen haben.

Während des ersten Lockdowns ließ sich meine 16 jährige Tochter kaum zu etwas motivieren. Sie wurde immer mehr zur Einzelgängerin, zog sich in ihr Schneckenhaus zurück. Die Lehrer ihrer Waldorfschule zeigten Verständnis dafür, dass sie kaum Beiträge leistete. Und für mich war es ebenfalls nachvollziehbar, dass, wenn ohnehin die Motivation fehlt, der mangelnde Kontakt zu Freundinnen und Lehrern alles noch schwieriger macht. Ich kontaktierte damals die Schulpsychologin, die sich am Telefon beinahe eine Stunde Zeit für mich nahm und sich zu einem persönlichen Treffen mit meiner Tochter bereit erklärte. Mein Sohn, der als Student ebenfalls zu den Hauptbetroffenen des zweiten Lockdowns zählt, kämpft damit, dass die Unis nun wieder geschlossen sind. Auch er vermisst seine Freunde und soziale Kontakte.

Und nun ist  wieder „Homeschooling“ und „Distance Learning“ angesagt. Dabei wird übersehen, dass Schule so viel mehr als Lernen bedeutet, gerade auch für ältere Schüler: Gemeinschaft, Austausch, Freundschaften, gegenseitige Unterstützung, Musik, Bewegung und Sport. Im besten Fall fördert Schule kritisches Denken, zum Beispiel in Form von politischen Debatten. Waldorfschulen oder andere alternative Modelle bieten darüber hinaus Kunst und Kreativität, Theater, Chor und fördern die soziale Verantwortung. Das alles wird nun auf Zoom-Meetings und Video-Calls reduziert.

Und immer wieder die Frage: Sind die rigorosen Maßnahmen mit all den bereits bekannten Folgeschäden gerechtfertigt? Gibt es wirklich keine Alternative zum Lockdown?

Es stellt sich die Frage, weshalb uns so wenig Eigenverantwortung zugetraut wird. Ich bin überzeugt, dass Rücksichtnahme auf meine Mitmenschen und kritisches Denken einander nicht ausschließen. Ich möchte selbst entscheiden, ob ich in einem fast leeren Geschäft oder einem freiliegenden Bahnsteig einen Mund-Nasen-Schutz trage. Ich habe nicht vor, mich gegen Grippe impfen zu lassen, wie es jetzt überall propagiert wird. Nach einer sorgfältigen Abwägung der Wirksamkeit dieser Impfung bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich mein Immunsystem auf andere Weise stärke – wie ich es ohnehin tue.

Doch Gesundheit scheint sich nur noch um die Abwesenheit von Viren zu drehen. Kaum die Rede ist davon, wie wir unser Immunsystem stärken können oder wie wir es schaffen, zufriedener zu werden – denn körperliche und seelische Gesundheit sind untrennbar miteinander verbunden. Kaum hinterfragt wird auch, weshalb es so viele Menschen mit Vorerkrankungen gibt – diese sind bekannterweise durch das Virus stärker gefährdet. Man muss sich nur die steigenden Zahlen der Herz-Kreislauferkrankungen, der Übergewichtigen, der von Diabetes oder auch von psychischen Erkrankungen Betroffenen anschauen, um zu wissen, dass wir uns auf einem falschen Weg befinden. Unser Lebensstil ist geprägt von Stress, Mangel an Bewegung, falscher Ernährung mit zu viel Fleisch, dazu kommen Luftverschmutzung und Umweltzerstörung.

Vieles, was uns stärkt, wird jedoch gerade eingeschränkt – ein weiterer Widerspruch dieser an Paradoxen reichen Krise: Tanzlokale, Konzertsäle oder Schwimmbäder sind geschlossen, soziale Kontakte auf ein Mindestmaß beschränkt. Spaß und Lebensfreude stärken jedoch das Immunsystem. Oder anders gesagt: Nicht nur das Virus macht krank, sondern auch Einsamkeit, Stress – und Angst. Eine Freundin schreibt mir: „Das ist die Schizophrenie eines Systems, das den Kopf (Zahlen und “Fakten“) über das Herz, über die körperlichen Bedürfnisse, über die emotionalen Bedürfnisse stellt, und somit über das, was uns zu Menschen macht.“ Die Angst vor Ansteckung scheint jedoch der treibende Motor des gerade stattfindenden gesellschaftlichen Umbaus zu sein. Wir können uns immer wieder fragen: Woher kommt die Angst und wie kann ich ihr begegnen? Ist sie gerechtfertigt? „Wir müssen die Unkontrollierbarkeit des Lebendigen annehmen“, sagt der Gehirnforscher Gerald Hüther. „Erst wenn wir aufhören, alles kontrollieren und beherrschen zu wollen, sind wir frei.“

Diese Krise zeigt uns verlässlich die Schwächen unseres Systems auf, legt gnadenlos den Finger in die Wunden des Neoliberalismus. Kaputt gesparte Gesundheitssysteme, prekäre Arbeitsbedingungen gerade in systemrelevanten Berufen. Das Vermögen von Amazon-Boss Jeff Bezos hat sich seit dem Beginn der Pandemie um einige Milliarden Dollar vermehrt. Die Reichen werden noch reicher, während die Zahl der Hungernden aufgrund der Corona-Maßnahmen weltweit wieder wächst. Shoppen ist dank Online-Anbietern möglich, aber Konzertsäle und Theater sind geschlossen. Sollte uns das zu denken geben? Der Direktor des Wiener Burgtheaters Martin Kušej schreibt in einer Reaktion auf die neuerliche Schließung von Kulturinstitutionen: „Kultur ist Nahrung für alle, und nimmt eine schützens- und erhaltenswerte Aufgabe für das Gemeinwesen wahr, ähnlich wie Schulen und Universitäten. Und sie ist das notwendige Korrektiv in einer lebendigen Demokratie. Gerade das macht sie natürlich systemrelevant.“ Theater, Musik, Film – sie haben die Fähigkeit, zum Nachdenken anzuregen und zu berühren. Doch Berührung – seelisch und körperlich – scheint in Zeiten des Virus an Bedeutung zu verlieren.

Diese Krise zeigt auch auf, wie in unserem System einseitiges Denken über einen ganzheitlichen Zugang gestellt wird. Meine Tochter erzählt mir, dass es in ihrer Schule Lehrer gebe, die beinahe die ganze Schulstunde über das Fenster offen lassen, während die Schüler in ihren Winterjacken frieren – und viele sich erkälten. Die Mutter eines Achtjährigen erzählt, dass ihr Sohn nicht mehr in die Schule gehen wolle, weil ihn die vielen neuen Regeln überfordern. Wenn ich mit meiner bald 80 jährigen Mutter oder meinem Schwiegervater rede, bestätigt sich meinen Eindruck, dass viele„Alten“, die doch mit all den Einschränkungen geschützt werden sollen, diese eher kritisch betrachten. „Man kann doch nicht das ganze Leben still legen“, sagte meine Mutter neulich. Eine Freundin, deren – ebenfalls sehr alte Eltern – die Maßnahmen ablehnen, schreibt: „Wir werden niemals den Tod unter Kontrolle bringen, auch dann nicht, wenn wir das Leben selbst reduzieren.“

Und dann führt uns diese Krise auch noch unerbittlich vor Augen, wohin die Menschheit in ihrer maßlosen Überschätzung und Gier steuert: Weil wir es uns zum Ziel gesetzt haben, uns die Natur und Tierwelt untertan zu machen, werden Wälder gerodet, den Tieren ihr natürlicher Lebensraum entzogen, Tiere wie Ware behandelt. All das hat dazu geführt, dass Viren von Tieren auf den Menschen übertragen werden – auch im Fall des Coronavirus. Weil in dänischen Nerzfarmen nun ein mutiertes Coronavirus vom Tier auf einige Menschen übertragen wurde, sollen bis zu 17 Millionen (!) Nerze getötet werden. Naturschutzexperten warnen, dass durch die fortschreitende Zerstörung unserer Umwelt die Gefahr weiterer Zoonosen, d.h. Krankheiten, die von Tieren auf den Menschen überspringen, steigt. Zugleich werden die Regenwälder am Amazonas schneller denn je abgeholzt, da es coronabedingt an Kontrollen mangelt. Wann werden wir einen Ausweg aus diesem apokalyptischen Kreislauf finden?

Und letztendlich Frage: Wie geht es weiter? Kann es auf lange Sicht gut gehen, dass gerade Milliarden Euro an Hilfsgeldern ausgezahlt werden? Wie werden die langfristigen gesellschaftlichen und menschlichen Folgen dieser Pandemie aussehen? Eine Zunahme bei Depressionen und psychischen Problemen, gestiegene Arbeitslosenzahlen, Existenzängste bei Selbständigen und Künstlern, nicht in Anspruch genommene Arztbesuche oder Vorsorgeuntersuchungen und vieles mehr. Was wird passieren, wenn das Virus mutiert oder das nächste Virus vom Tier auf den Menschen überspringt ? Wir müssen einen anderen, ganzheitlichen Weg finden, mit Krankheiten umzugehen – und mit dem Tod.

Was uns jetzt helfen kann, ist ein spiritueller Zugang, die Gewissheit, dass wir alle im selben Boot sitzen. Dass wir in dieser Krise verbunden und Teil eines großen Ganzen sind – und dass alles, was jetzt passiert, der Beginn eines umfassenden Wandels ist. Wir können diese Zeit auch als Chance sehen, Lebenskonzepte neu zu bewerten. Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit zwingt viele gerade, neue Lösungen zu finden. Wir alle werden unerbittlich mit unseren Schwächen konfrontiert. Der amerikanische Philosoph und Autor Charles Eisenstein schreibt: „Wenn die Krise abflaut, haben wir vielleicht die Gelegenheit uns zu fragen, ob wir in die alte Normalität zurück wollen, oder ob wir während dieser Unterbrechung unserer Routinen Dinge erlebt haben, die wir in die Zukunft mitnehmen wollen.“

Jetzt, wo das System im Umbruch ist, haben wir tatsächlich die Möglichkeit, unsere Zukunft gemeinsam zu gestalten. Wir können uns für einen Systemwechsel in allen relevanten Bereichen einsetzen: Umwelt und Klima, Bildung, Gesundheit, Wirtschaft. Jede/r Einzelne ist gefragt, einen Beitrag für eine Zukunft, die auch für unsere Kinder noch lebenswert ist, zu leisten. Wir stehen nun an einem Wendepunkt in der Geschichte: Wir entscheiden mit, wohin die Gesellschaft sich entwickelt. Wie soll unser Zusammenleben aussehen? Wollen wir weiterhin ein System, das Menschen und Ressourcen ausbeutet oder eines, das die Verbundenheit von Mensch und Natur in den Mittelpunkt stellt? Wollen wir eine Welt, in der die Reichen auf Kosten der Armen leben, in der Wirtschaftskraft über die Gesundheit von Menschen gestellt wird – oder eine, in der das Wohl jedes Einzelnen im Vordergrund steht? Wir sind mündige Bürger und keine Marionetten der Politik, das dürfen wir nicht vergessen. Denn, davon können wir ausgehen: Nichts wird bleiben, wie es war.

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