„Ich suche immer das Gute im Leben“

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Barbara Pachl-Eberhart hat sich lange Zeit als vom Glück begünstigtes Sonntagskind betrachtet. „Ich war schon als Kind bekannt als Sonnenschein“, lacht sie. An einem Märztag im Jahr 2008 kollidierte das Auto, in dem Pachl-Eberharts Mann Heli und die Kinder Fini, 22 Monate und Thimo, 6, saßen, mit einem Zug. Helmut Eberhart war sofort tot, die Kinder starben einige Tage später. Den Verlust ihrer Familie arbeitete die Wienerin in ihrem Buch „vier minus drei“ auf, das zum Bestseller wurde.

Beinahe zehn Jahre später sitzt Barbara Pachl-Eberhart mit ihrer kleinen Tochter Erika im Wohnzimmer ihrer Wiener Wohnung und besteht darauf, nicht auf ihr „tragisches Schicksal“ reduziert zu werden. Gerade ist ihr aktuelles Buch „Federleicht – die kreative Schreibwerkstatt“ erschienen und so geht es im Interview auch in erster Linie um das Lieblingsthema der Autorin: Das Schreiben.

Sie wurden mit dem Buch „vier minus drei“ bekannt. Haben Sie davor auch schon geschrieben?

Das Schreiben war für mich bereits als Kind ein Freudenquell, der jedoch in der Schule versiegt ist. Schuld daran war meine Deutschlehrerin, die mir jegliche Freude am Schreiben nahm. Ich bin dann über Umwege zum Schreiben zurück gekommen: In meiner musikalischen Ausbildung und bei meiner Arbeit als Clown habe ich viel über Rhythmus und Klang gelernt. Das Gefühl für Timing und dramaturgische Bögen half später, Szenen zu schreiben. Ich hatte immer schon eine große Sehnsucht, mich auszudrücken – nicht nur auf geistiger Ebene, sondern auch emotional. Das Schöne am Schreiben ist ja: man kann jahrzehntelang üben, ohne einen einzigen Buchstaben zu schreiben – einfach, indem man bewusst lebt.

(c) Markus Haslinger

Sie haben lange als Clown bei den Rote Nasen-Doctors gearbeitet, welche Rolle spielt der Humor in Ihrem Leben?

Die Freude und das Lebensglück sind meine Muttersprache, dann kam die Sprache der Trauer, aber auch der Behutsamkeit – weil ich in meiner Vortragszeit so viel mit Menschen zu tun hatte, die frisch verwundet waren. Ich bin dahingehend sozialisiert worden, Dinge anzupacken und auf den Punkt zu bringen, ohne Ausreden. Das musste ich mir in meiner Trauer- und Vortragszeit abgewöhnen. Bei trauernden Menschen konnte ich nicht meinen Clown herauskehren, der teilweise sehr provokativ war. Der Humor war und ist jedoch ein wichtiger Bestandteil meines Lebens.

Fühlen Sie heute noch Trauer wegen des Verlustes ihrer Familie?

Manchmal gibt es Deja Vu-Momente mit meinem Baby, in denen ich mich daran erinnere, wie das damals war. Aber dominant ist das Gefühl der Freude, dass ich das nochmals erleben darf und dann gibt es eher Tränen der Rührung darüber, was mir schon bekannt vorkommt, was ich bereits erleben durfte. Manchmal, an schlechten Tagen, kommt vielleicht ein Beleidigtsein aufs Leben, der Gedanke „Früher war alles besser“. Dann muss ich meine innere Rechnung wieder ausgleichen – weil ich dieses Beleidigtsein aufs Leben für einen ganz blöden Zustand halte.

Oft ist es nicht so leicht, sich den Blick auf das Gute zu bewahren, wenn das Leben gerade schwer erscheint. Wie gelingt Ihnen das?

(c) Nina Goldnagl

Ich kann mich passiv hinsetzen und mich fragen, wo jetzt eigentlich das Gute in meinem Leben ist oder ich hole mir aktiv etwas Gutes herbei. Ich frage mich dann, wonach ich mich am meisten sehne und wie einfach es ist, es mir zu holen. Ich habe z.B. mit Shiatsu begonnen, weil ich müde und überlastet war. Wenn mir das gelingt, ist es so, als ob das ganze Seeleninstrument neu stimmt – nur durch diese eine Sache sieht man wieder andere gute Dinge, die man vorher übersehen hat. Oft sind es auch die grundlegenden Dinge, auf die wir uns konzentrieren müssen: In der Früh die Fenster aufmachen und frische Luft hereinlassen, essen, duschen, etwas anziehen (nicht nur Schlabberkleidung), aus dem Haus gehen. Meine Therapeutin hat mir das verordnet, als es mir sehr schlecht ging – und es ist bis heute so: Wenn es mir nicht gut geht geht, habe ich wahrscheinlich eines davon vergessen. Man kann diese Dinge auch zelebrieren und symbolisch aufladen: Beim Duschen etwa kann ich mir vorstellen, dass alles, was mich belastet, in den Abfluss fließt. Dadurch kriegt diese einfache Tätigkeit eine Bedeutung, die mich seelisch nährt.

Von Ihnen stammt der Satz „Ich schreibe, um mir mein Leben zurück zu erobern“, der Untertitel Ihres aktuellen Buches lautet „Wie die Kraft Ihrer Worte zur Lebenskraft wird.“ Wie können wir das Schreiben für uns selbst nutzen?

Alles, was ich aufschreibe, kann ich wahrmachen, bevor ich es überhaupt erlebt habe. Wenn ich in Wien bei schlechtem Wetter in der Wohnung sitze, kann ich darüber schreiben, wie ich einen Waldspaziergang mache, was ich dort rieche oder über einen Urlaub auf Hawaii – und es wird sinnlich wahr für mich. Diese Sinnlichkeit und dieses Eintauchen ist das, was ich am Schreiben am allermeisten liebe und wofür sich die Mühe lohnt. Ich habe die Ausbildung zur Poesie- und Bibliotherapeutin gemacht, um diese Heilkraft des Schreibens und Lesens, die Persönlichkeitsbildung durch Schreiben weitergeben zu können. Es geht in meinen Schreibseminaren aber nicht nur um therapeutisch-biographisches, sondern auch um literarisches Schreiben – ich nenne es biographisch-literarisches Schreiben. Manchmal geht es mit der Kunst besser, Menschen in ihre Kraft zu bringen.

Wie kann man die Angst vor dem Scheitern beim Schreiben ablegen?

Ein Trick ist, einfach drauf los zu schreiben. Eine Übung lautet: Nimm irgendetwas wahr und schreibe es im banalsten Satz hin, der dir einfällt, und dann arbeite an diesem Satz. Der zweite Tipp ist, sich einzugestehen: Ja, Schreiben ist schwer, aber ich lasse mich darauf ein. Und es darf schwer sein! Pausenmanagement ist ganz wichtig, man sollte Pause beim Schreiben machen, bevor man müde ist.

Barbara Pachl-Eberhart, geboren 1974 in Wien, studierte Musik, ließ sich zur Volksschullehrerin ausbilden und erfüllte sich bei den Rote Nasen Clowndoctors ihren Traum, Menschen zum Lachen zu bringen. Bei einem Aufenthalt in Graz lernte sie ihren späteren Mann Helmut Eberhart, ebenfalls Clown, kennen und zog zu ihm in die Steiermark. Nach dem Verlust ihrer Familie schrieb sie sich in dem Bestseller „vier minus drei“ ihre Trauer von der Seele, 2014 erschien ihr Buch „Warum gerade du?“. Pachl-Eberhart ließ sich u.a. zur Lebens- und Sozialberaterin ausbilden und bietet heute Schreibwerkstätten an. Heute ist die Wienerin wieder verheiratet und Mutter einer sieben Monate alten Tochter. Ich möchte mich einbringen in diese Welt und bewusst wählen, auf welche Weise ich das tue. Wo ist mein Platz, was habe ich zu sagen, im Sinn des großen Ganzen?“

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