Hervorgehobener Beitrag

Das Buch ist da!

Mein Ratgeber “Nachhaltig Leben” mit vielen wertvollen Tipps rund um verantwortungsvollen Konsum und Lebensstil ist nun erhältlich, zu bestellen über den Verein für Konsumenteninformtion/Konsument, oder auch bei mir persönlich erhältlich (siehe Kontaktdaten).

Nachhaltig_leben_COVER_1000pxUmfragen besagen, dass über die Hälfte der Verbraucher an nachhaltigem Konsum interessiert sind, also an einem Konsum, der die Umwelt schützt und für faire Arbeitsbedingungen in den Herstellerländern steht. Nur zehn Prozent der Befragten setzen dieses Anliegen allerdings in die Praxis um. Dass die Macht der Konsumenten größer ist als viele glauben, ist unter Wirtschaftsethikern bereits bewiesen. Zahlreiche Beispiele zeigen, dass Konsumenten durch gezielten Kauf bzw. Boykott Einfluss auf Produkte am Markt nehmen können: eines der bekanntesten ist der Shell-Boykott von 1995, bei dem unzählige Käufer auf die von Shell angekündigte Entsorgung des schwimmenden Öltanks Brent Spar reagierten. Shell musste schließlich einlenken.

Je mehr Menschen nachhaltige Produkte kaufen, desto mehr Anbieter werden von konventioneller Produktion auf nachhaltige umsteigen. Fairtrade- oder Bio-Produkte mögen in manchen Fällen teurer sein als herkömmliche, doch das können Konsumenten durch einen bewussten Lebensstil in anderen Bereichen ausgleichen.  Jeder von uns kann etwa durch (teilweisen) Verzicht auf das Auto oder mit dem Konzept „Nutzen statt Besitzen“ einen Beitrag für die Umwelt und für faire Arbeitsbedingungen in den Herstellerländern leisten. Wer mehr tun möchte, hat ebenfalls vielfältige Möglichkeiten: Proteste gegen ausbeuterische Unternehmen, Unterstützung von NGOs, Teilnahme an Petitionen oder Vernetzung von Gleichgesinnten über soziale Netzwerke sind nur einige Beispiele.

Eine Leseprobe aus “Nachhaltig Leben” gibt es hier.

Auf die sanfte Tour (Konsument, Juni 2015)

Immer mehr Menschen möchten in ihrem Urlaub Rücksicht auf Mensch und Natur nehmen – die Tourismusbranche stellt sich zunehmend auf diese Wünsche ein.

Die Welttourismusorganisation zählte 2012 erstmals mehr als eine Milliarde Auslandsreisen, davon ein Großteil Flugreisen. Das hat Folgen: Schätzungen zufolge ist der Tourismus bereits für ca. 12 Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich. Doch ein Umdenken findet statt: immer mehr Menschen wünschen sich einen ökologisch vertretbaren Urlaub mit Rücksicht auf die einheimische Bevölkerung sowie faire Arbeitsbedingungen in den Urlaubsländern. Laut einer Umfrage von TripAdvisor, der weltweit größten Reise-Website, haben 25 Prozent der europäischen Urlauber bei der Planung ihres letzten Urlaubs “grüne Aspekte” mit einbezogen. Mehr als ein Drittel der Befragten plant, diesem Thema in Zukunft mehr Raum zu geben.

Umweltfreundliche Anreise Ausschlaggebend für nachhaltiges Reisen ist die Anreise, vorzugsweise per Bahn oder Bus. „Wenn eine Familie zu viert mit dem Auto nach Kroatien fährt, ist das immer noch nachhaltiger als zu fliegen“, erklärt Julia Balatka, Geschäftsführerin des auf nachhaltigen Urlaub spezialisierten Reisebüros Odyssee Reisen. Denn Flugzeuge gehören mit ihrem enormen CO2-Ausstoß zu den größten Klimasündern: CO2 ist in der Atmosphäre 2,7-mal schädlicher als in Bodennähe. Auch wenn Flüge im Vergleich zum Bahnfahren oft günstiger erscheinen, haben auch Billigflüge ihren Preis: Wenn man die versteckten Kosten für Gepäckmitnahme, Sitzplatzreservierung oder Buchungsgebühren hinzurechnet, sind die Billigflieger gar nicht mehr so günstig. Zusätzlich werden bei allen Fluggesellschaften Steuern und Sicherheitsgebühren fällig. Wer trotzdem fliegen möchte und einen Beitrag zum Umweltschutz leisten will, kann die CO2-Emissionen mithilfe von Kompensationsprojekten wie atmosfair ausgleichen. Auf der Webseite wird die Flugroute eingegeben, woraufhin der Emissionsrechner den Umweltschaden und den daraus resultierenden Kompensationsbetrag ermittelt. Dieses Geld verwendet atmosfair etwa dazu, erneuerbare Energien in Entwicklungsländern auszubauen. Andere seriöse Anbieter von CO2-Kompensationen sind MyClimate und GoClimate.

Neben Flugzeugen gehören Kreuzfahrtschiffe zu den großen Klimasündern:Sie fahren meist mit Schweröl, einem Abfallprodukt der Ölindustrie. Anders als für den Straßen- verkehr gibt es für die Seeschifffahrt kaum umweltspezifische Auflagen. Die „schwimmenden Städte“ tragen in erheblichem und sukzessive steigendem Maß zu den globalen Schwefeldioxid-, Stickoxid- und Feinstaubemissionen bei. Dazu kommt, dass tausende Kreuzfahrttouristen die von den Schiffen angelaufenen Städte regelrecht überschwemmen. Das wird für Einheimische und andere Touristen zunehmend zum Ärgernis, wie Gegenkampagnen in Venedig oder Dubrovnik beweisen. Mehr lesen.

Die Sehnsucht nach der Ferne

¨Gegen die Einsamkeit scheint es kein anderes Mittel zu geben als das Alleinsein.¨ Diese Worte des amerikanischen Schriftstellers John Steinbeck gehen mir durch den Kopf, während ich an einem wunderschönen Karibikstrand sitze und aufs Meer hinausblicke – alleine. Ich habe die Gelegenheit beim Schopf gepackt, mir nach einer Fairtrade-Pressereise in Honduras einen lebenslangen Traum zu erfüllen: einmal die Karibik zu sehen. Während meine Kollegen bereits die Heimreise angetreten haben, bin ich weiter auf die Insel Roatán gereist, um hier noch einige Tage auszuspannen. Alleine im Paradies – ja, es fühlt sich gut an. Ich blicke auf das türkisfarbene Wasser, hänge meinen Gedanken nach und komme zu dem Schluss: ich brauche diese regelmäßigen Auszeiten wie andere die tägliche Zigarette. Wenn ich alleine bin, gelingt es mir am besten, ganz bei mir zu sein und in mich hinein zu spüren. Und so gebe ich immer wieder der Einsamkeit nach und genieße  das Alleinsein – am liebsten unterwegs.

Es ist jedesmal dieselbe Routine: nach ein paar Monaten zuhause werde ich unruhig und sehe mich nach einer Möglichkeit um, für einige Tage fortzukommen. Daran ändert auch nichts, dass ich alles an meinem Leben liebe: meine Familie, meine Arbeit, mein Zuhause. “Wenn das Virus der Rastlosigkeit von einem unsteten Menschen Besitz ergreift und die Straße, die in die Ferne führt, ihm breit und gerade und lockend erscheint, dann muss das Opfer zuerst in sich selbst einen guten und zureichenden Grund zum Aufbruch finden. Für den erfahrenen Tramp ist das kein Problem.” So schrieb John Steinbeck in seinem Buch “Die Reise mit Charley”. Er spricht mir damit aus der Seele.  Und doch spüre ich jedesmal die widerstreitenden Gefühle in mir: hier meine Kinder, meine Familie – dort das lockende Abenteuer. Je näher die Abreise rückt, desto nervöser werde ich – manchmal wird die Nervosität auch von freudiger Erregung abgelöst – und auf dem Weg zum Flughafen beutelt mich regelmäßig das schlechte Gewissen.  Letztendlich überwiegt jedoch immer die Abenteuerlust, und die schiere Freude am Reisen.

Bei meinen Reiseentscheidungen hilft mir die Gewissheit, einen Mann zu haben, der hinter mir steht und für unsere Kinder da ist – und dafür bin ich unendlich dankbar. Denn Reisen bedeutet mir alles. Auf Reisen fühle ich mich frei, ich komme auf neue Gedanken und lasse die alten hinter mir. Ich liebe es, in fremde Kulturen einzutauchen und über den eigenen Tellerrand hinaus zu sehen. Natürlich genieße ich es auch, mit meiner Familie unterwegs zu sein, doch die größten Abenteuer ergeben sich nun mal durch meinen Beruf. Und so sitze ich hier, an diesem traumhaften Karibikstrand und bin dankbar: für den perfekten Moment, für all das Schöne in meinem Leben. Das allerschönste am Reisen ist jedoch das Nachhausekommen. Auf der Heimreise steigt die Vorfreude auf meine Lieben. Und wenn ich meinen Mann und meine Kinder in  die Arme schließe, weiß ich: hier gehöre ich hin.

Fairer Kaffee

Roatán, Honduras: Langsam beginnt die Gelassenheit der Menschen hier auf mich abzufärben, das Karibik-Flair tut sein übriges. Kaum zu glauben, dass ich vor drei Tagen noch auf honduranischen Kaffeefarmen unterwegs war, gemeinsam mit deutschen Kollegen und Vertretern von Transfair/FairtradeDeutschland.

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Kaffee zählt zu den wichtigsten Exportgütern weltweit; rund 75 Prozent des weltweit verkauften Fairtrade-Kaffees wird in Lateinamerika und der Karibik angebaut. Ziel unserer Reise: das Kaffeeanbaugebiet rund um Marcala, Honduras. Hier ist die Kaffeegenossenschaft COMSA beheimatet, seit 2006 Fairtrade-zertifiziert. 80 % des von COMSA verkauften Kaffees hat zudem Bio-Qualität. ¨Von Fairtrade-Bauern wird erwartet, ihr Denken zu ändern¨, sagt Mario Perez, Kaffeefarmer und COMSA-Mitglied. ¨Das wirkt sich positiv auf alle Beteiligten aus.¨

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Kaffee wird an der Börse gehandelt. Wenn der Preis tief ist, können Millionen kleiner Kaffeebauern oft nicht einmal ihre Produktionskosten decken. Hier kommt der Fairtrade-Mindestpreis ins Spiel: er dient als Sicherheitsnetz für den Fall, dass die Weltmarktpreise unter die Kosten nachhaltiger Produktion fallen. Dazu kommt ein Bio-Aufschlag, der die höheren Kosten der Bioproduktion berücksichtigt, sowie die Fairtrade-Prämie, die für soziale Projekte und für Projekte zur wirtschaftlichen Weiterentwicklung gezahlt wird. COMSA verwendet die Fairtrade-Prämie für Schulungen im Bio-Anbau, unterstützt Familien und ermöglicht Stipendien für Schüler. ¨Wir können Honduras verändern, wenn wir unseren Kindern Bildung ermöglichen¨, sagt Rudolfo Peñalba, Geschäftsführer von COMSA. Denn viele arme Familien schicken ihre Kinder nicht in die Schule, weil sie ihre Hilfe auf der Farm benötigen – und weil ihnen Bildung nicht wichtig erscheint.

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Fredy Perez setzte jahrelang auf herkömmlichen Kaffeeanbau, bis er ein Video über Umweltzerstörung sah – Teil einer Aufklärungskampagne von COMSA. Seitdem ist Perez COMSA-Mitglied und glühender Verfechter der Bio-Landwirtschaft. ¨Mir wurde klar: wenn Pestizide alles in ihrer Nähe abtöten, töten sie letztendlich auch mich.¨ Perez leitet die Finca Fortaleza, ¨Übungsfarm¨ von COMSA. Hier werden Farmer im Bio-Anbau geschult und lernen Alternativen zum Kaffeeanbau wie etwa Bienenzucht kennen. Eine Kaffeerost-Epidemie vor einigen Jahren brachte viele Farmer an den Rand ihrer Existenz; dabei handelt es sich um einen Pilz, der u.a. von stark wechselhafter Witterung verursacht wird. “La Roya” hatte 2013 einen Ernteverlust von 30-40 Prozent zur Folge. Heute ist die Gefahr gebannt, man hat Möglichkeiten gefunden, La Roya vorzubeugen – mit natürlichen Mitteln. ¨Wir müssen die Verbindung zur Natur wiederfinden¨, ist Perez überzeugt. Seit er seine Farm auf Bio umstellte, sind die Einnahmen gestiegen. Und dank der Fairtrade-Prämie kann er seinen Sohn auf eine bilinguale Schule schicken. ¨Fairtrade hat unser aller Leben verändert.¨

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Schokolade für Fortgeschrittene (Trend/Format, März 2015)

In einem kleinen steirischen Ort führt Josef Zotter sein mittlwerweile weltweit bekanntes Unternehmen. Und setzt dabei auf nachhaltiges Wirtschaften.

Das kleine Dorf Bergl in der Oststeiermark, nahe Riegersburg: es ist ein ruhiger Vormittag, Besucher der Zotter-Schokolademanufaktur treffen derzeit nur nach und nach ein. „In der Hochsaison haben wir bis zu 2000 Gäste täglich“, erzählt die Mitarbeiterin am Empfang. Das Unternehmen ist zum Magnet für Besucher aus aller Welt geworden, seit die hauseigenen Schokokreationen bis nach China exportiert werden. Ob Apfel-Karotten-Schokolade mit Ingwer, Honig-Zimt-Trinkschokolade oder Schoko-Reisflakes in Kokos und Orange: mit seinen außergewöhnlichen Kreationen in Bio- und Fairtrade-Qualität hat Josef Zotter sich weltweit einen Namen gemacht. Am Standort in Bergl ist das ökologische Denken allerorts sichtbar: Die Tankstelle für Elektroautos am Parkplatz, neun Sonnenkollektoren, die sich wie Sonnenblumen mit der Sonne drehen, sind weithin zu sehen. Geschäftsführer Josef Zotter steht in seinem weißen Arbeitsmantel in der Türe und vibriert förmlich vor Elan. In seinem Büro wachsen Kakaopflanzen, am Fenster steht ein Fernrohr, mit dem der Unternehmer sein Reich überblicken kann – 74 Hektar Landwirtschaft.

Insourcing statt Outsourcing Wenn der 54 jährige spricht, ist es ihm anzumerken, dass die neue, nachhaltige Art des Wirtschaftens, für die das Unternehmen Zotter steht, sein persönliches Anliegen ist. Bereits in seiner Jugend war der Steirer in der Umweltszene, beteiligte sich an der Besetzung der Hainburger Au und demonstrierte gegen Atomkraft. „Frag nie den Markt, was er sich wünscht, sondern mach’, was du für richtig hältst“, ist eines seiner Lieblingszitate, das es bis an die Harvard Universität schaffte. Dort steht Zotter als einziges österreichisches Unternehmen als Fallbeispiel auf dem Lehrplan. Die drei Säulen, auf denen das Unternehmen steht, sind Bio, Fair und Bean-to-Bar, die Herstellung der Schokolade von der Bohne bis zum Schokoriegel. „Es geht mir um Insourcing statt Outsourcing, um die Schaffung von Arbeitsplätzen“, erklärt der Firmenchef. Die Schokoproduktion findet in der hauseigenen Manufaktur statt, Besucher können durch große Glaswände zusehen und dabei die verschiedenen Sorten kosten, von der Rohmasse bis zur fertigen Schokolade.

Dem Essen in die Augen schauen Auf dem Weg zum Essbaren Tiergarten schreitet Josef Zotter mit großen Schritten voran und erzählt, dass er mit diesem Konzept den Besuchern ihr Essen wieder näher bringen möchte. „Lebensmittel haben keinen Wert mehr, die Gesellschaft hat den Bezug zum Essen verloren.“ In seinem Bio-Tiergarten leben alte Nutztierrassen wie Hochlandrinder oder Wollschweine; ein Teil davon wird im hauseigenen Restaurant serviert, weitere Tiere wie Lamas oder Hausratten finden sich im Streichelzoo.

Mehr lesen in: Trend/Format März 2015

Nichts tun

Ich sitze auf einer saftig grünen Wiese, umgeben von blühenden Bäumen, und genieße die Stille, die nur von zwitschernden Vögeln unterbrochen wird. Der Augenblick ist so schön, dass ich versucht bin, mein Handy zu zücken und die Welt an meinem Glück teilhaben zu lassen. Doch ein Gedanke hält mich davon ab: Habe ich es tatsächlich verlernt, das Hier und Jetzt zu genießen, nur für mich alleine, wie es mir immer so wichtig war? Schaffe ich es überhaupt noch, einige Minuten lang einfach NICHTS zu tun, ohne mich dabei abzulenken?

Denn es ist ja so: likes auf facebook zu sammeln, hat einen gewissen Suchtfaktor. Einen Beitrag zu posten und dann zu sehen, wie vielen Menschen das gefällt, erzeugt regelmäßig ein Kribbeln in mir. Andererseits spüre ich jedoch, dass es mir immer wichtiger wird, Zeit für mich zu haben und Stille um mich herum zu spüren. Oder dass es mehr Spaß macht, in der U-Bahn Menschen zu beobachten und dabei meine Gedanken schweifen zu lassen, als mein Smartphone zu konsultieren.

Das Gefühl, immer erreichbar sein zu müssen, auch im Beruf, ist einer der seltsamsten Auswüchse unserer Zeit. „Stress entsteht im Kopf“, sagt die deutsche Psychologin Diana Drexler. Stress machen wir uns immer selbst, und die ständige Erreichbarkeit ist einer der größten Stressfaktoren geworden. Doch es liegt an uns, das zu ändern: wir können selbst entscheiden, ob wir jedes Mail sofort beantworten oder ob wir mit unserem Smartphone ständig online sein müssen. Laut Arbeitszeitgesetz kann zu ständiger Bereitschaft, etwa im Urlaub oder in der Freizeit, niemand gezwungen werden.

Ich jedenfalls übe mich darin, mein eigenes Tempo zu finden und Ruhe zu bewahren – was gerade als Selbständige und Mutter zweier Kinder nicht immer einfach ist. Zum Beispiel dann, wenn ich das Bedürfnis verspüre, hundert Dinge gleichzeitig zu erledigen. Oder wenn mein Perfektionsanspruch überhand nimmt – dann neige ich dazu, nicht nur mich selbst unter Druck zu setzen, sondern auch die Menschen um mich herum, die vielleicht gerade ein ganz anderes Tempo als ich an den Tag legen. Wenn dann noch meine pubertierende Tochter ihre Launen an mir auslässt, während ich versuche, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, macht das die Sache nicht gerade einfacher. Gerade dann brauche ich Pausen, in denen ich – in jeder Hinsicht – abschalten kann.

Ich sitze also in der grünen Wiese und beobachte eine Familie, die an mir vorbei wandert und ihren Hund, der mit wehenden Ohren durchs hohe Gras springt. Und lasse das Handy in der Tasche. Die Geschichte des Mannes fällt mir ein, der auf einer Reise gefragt wurde, warum er keine Fotos mache. Seine Antwort lautete: „Ich sehe es mir lieber gleich hier an.“

Wirtschaft ohne Wachstum, wie soll das gehen? (Bestseller, 2/2015)

Niko Paech ist außerplanmäßiger Professor am Lehrstuhl für Produktion und Umwelt an der Universität Oldenburg und einer der bekanntesten Vertreter der Postwachstumsökonomie. In seinem Buch „Befreiung vom Überfluss“ erklärt der Ökonom, wie man mit reduziertem Konsum und weniger Geld glücklich wird. Paech wurde 2006 mit dem Kapp-Forschungspreis für Ökologische Ökonomie ausgezeichnet, 2014 verlieh ihm das Wissensmagazin der „Zeit“ den Preis „Mut zur Nachhaltigkeit“. Der überzeugte Nicht-Flieger und Vegetarier lebt ohne Handy und Smartphone.

Herr Paech, in unserer Gesellschaft herrscht die Meinung vor, dass es ohne Wirtschaftswachstum nicht ginge. Wie sehen Sie das und was sind Ihre Gegenargumente?

In der momentanen Situation sind sowohl angebots- als auch nachfrageseitige Wachstumszwänge ein wesentliches Merkmal der globalisierten industriellen Fremdversorgung. Zudem leben wir in einer Konsumkultur, deren Symbole wir mit Identität, Freiheit und Selbstverwirklichung gleichsetzen. Aber beiden Wachstumszwängen können wir schrittweise den Rücken zukehren. Wir können Lebens- und Versorgungsstile einüben, auf deren Basis wir erstens mit weniger und zweitens anders produzierten Leistungen überleben können.

Wie funktioniert Postwachstumsökonomie in der Praxis, wie kann ein Unternehmen ohne Wachstum überleben?

Gerade in mittelständischen Branchen, die handwerklich oder dienstleistungsintensiv wirtschaften und weniger von großen Investitionen abhängen, sind weniger wachstumsorientierte Strategien möglich. Denn Kapital, das ich nicht benötige, brauche ich auch nicht zu verzinsen oder mittels hoher Renditen, die ich den Kapitalgebern zuvor versprochen habe, zu verwerten.

Kann die Sharing Economy einen Beitrag zur Wachstumsreduktion leisten?

Solange sie als Instrument des grünen Wachstums rein kommerziell betrieben wird, eher nicht. Denn Sharing-Modelle führen nur unter selten anzutreffenden Bedingungen zu einer Reduktion des Konsums. Sogar das Gegenteil kann eintreten: Car-Sharing etwa könnte dazu führen, dass Menschen Auto fahren, die es nicht täten, wenn sie sich einen eigenen PKW kaufen müssten. Möglich wäre allerdings ein Strukturwandel, der dazu führt, dass etablierte Unternehmen neue Geschäftsfelder aufbauen, um materielle Produktion graduell durch Sharing-Services zu ersetzen. So könnten etwa Automobilkonzerne zusätzlich zum eigentumsbasierten PKW-Verkauf auch Sharing-Services anbieten. Den höchsten Nachhaltigkeitseffekt haben gemeinschaftliche Nutzungen im nicht kommerziellen, also Subsistenzbereich. Wo kein Geld fließt, sondern Selbstversorgungsleistungen getauscht werden, werden monetäre Einkommens- und somit Wachstumseffekte weitgehend ausgeschaltet. Mehr lesen.

Wo bleibt die Menschlichkeit?

Leser, die meine Arbeit kennen, wissen, dass ich mich gerne auf lösungsorientierten Journalismus und Positivbeispiele konzentriere. Doch angesichts der Flüchtlingstragödien, die sich vergangene Woche im Mittelmeer abspielten, hat mich mein beinahe unerschütterlicher Optimismus verlassen. Was bleibt, sind Fragen: Wie konnte es so weit kommen? Und wo bleibt bei all dem politischen Getöse, das nun folgt, die Menschlichkeit?

Seit Beginn des Jahres sind im Mittelmeer 1750 Menschen ertrunken, die auf der Flucht vor Armut, Krieg und Verfolgung waren, alleine in der vergangenen Woche rund 1300. Insgesamt kamen in den letzten 25 Jahren 20 000 Menschen auf diese Weise ums Leben. Das sind nur offizielle Zahlen, die Dunkelziffer liegt weit höher. Diese Menschen haben keine andere Wahl als ein Boot zu besteigen, denn eine legale Einreisemöglichkeit nach Europa, und damit in eine bessere Zukunft, gibt es nicht. Schlepper nützen diesen Umstand aus, um mit Flüchtlingen viel Geld zu machen. Geplante Maßnahmen von EU-Politikern, wie dem Schlepperwesen dem Kampf anzusagen oder Schlepperboote gezielt zu zerstören, sind daher mehr als zynisch – denn die EU-Politik der Abschottung machte die sich häufenden Katastrophen der vergangenen Jahre überhaupt erst möglich. “Wer Schleppern das Handwerk legen möchte, muss Menschen auf der Flucht die Möglichkeit geben, legal Europa zu erreichen und legal einen Antrag zu stellen”, sagt Caritas-Präsident Michael Landau.

Mit ein Grund für die vielen Toten der letzten Tage ist die Einstellung des von Italien alleine finanzierte Rettungsprogramm „Mare Nostrum“. Stattdessen soll das EU-finanzierte Frontex-Programm „Triton“ nur die Grenze abschotten, aber keine Menschenleben retten. Zur Zeit läuft im EU-Parlament eine Protestaktion zahlreicher Abeordneter, um ein neues Rettungsprogramm durchzusetzen. Ziel muss auch eine faire Verteilung der Flüchtlinge auf europäische Staaten sein. Das Dublin-System sorgt dafür, dass Flüchtlinge in Europa wie Ware hin- und hergeschoben werden, immer wieder in Haft oder obdachlos auf der Straße landen. „Es ist Zeit für ein Eingeständnis der komplett gescheiterten EU-Flüchtlingspolitik“, sagt Elias Bierdel, Vorstand der Organisation borderline-europe – Menschenrechte ohne Grenzen.

Die unbequeme Wahrheit lautet: die westliche Welt ist als Hauptverursacher von Globalisierung, Umweltverschmutzung und Klimawandel mitverantwortlich am Leid vieler Menschen in Entwicklungsländern. Unser Lebensstil entzieht diesen Menschen die Lebensgrundlage, die Folgen sind Zerstörung von Märkten durch aus Europa importierte Produkte, Überfischung der Meere und Konflikte, vor denen immer mehr Menschen flüchten, um nach Europa zu gelangen. Die Autorin Livia Klingl rechnet in ihrem Buch „Wir können doch nicht alle nehmen!“ vor: 56,7 Millionen Menschen sind derzeit laut UNO weltweit auf der Flucht. 87 Prozent davon bleiben in ihrer näheren Umgebung oder Nachbarsländern (der Libanon, ein Land mit vier Millionen Einwohnern, hat bisher über eine Million syrische Flüchtlinge aufgenommen). Von den restlichen 13 Prozent kamen 2014 rund 600.000 als Asylwerber in die EU – bei 507 Millionen Einwohnern sind das etwas mehr als 0,1 Prozent der Gesamtbevölkerung. Von diesen wiederum erhalten rund 30 Prozent tatsächlich Asyl. Woher kommt also die Angst vieler Europäer, „überrannt“ zu werden? Die Angst vor Menschen, die alles aufgegeben haben mit der Hoffnung auf ein besseres Leben?

Anlass zur Hoffnung geben private Initiativen wie die von Harald Höppner: der deutsche Unternehmer kaufte einen Fischkutter und funktionierte ihn zum Rettungsboot um, sein Rettungsprojekt nennt sich Sea Watch. Eine ganz ähnliche Initiative ging vom italienisch-amerikanischen Ehepaar Chris und Regina Catrambone aus; gemeinsam gründeten sie die Organisation Migrant Offshore Aid Station (MOAS). Caritas, Rotes Kreuz, Amnesty International und Diakonie haben eine Petition für eine menschliche Politik im Umgang mit schutzsuchenden Menschen gestartet: http://www.gegen-unrecht.at/