„Wenn die Bäume sterben, sterben auch wir“

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Ich lernte Mike Smith vor einem Jahr in Wien kennen. Der Maori-Vertreter aus Neuseeland war nach Österreich gekommen, um eine Klage gegen den OMV-Geschäftsführer Rainer Seele beim Internationalen Gerichtshof vorzubereiten. Der Öl-Konzern hatte weitere Bohrungen an der neuseeländischen Küste angekündigt. „Die Leiter der großen Konzerne sind extrem mächtig und unterliegen kaum öffentlicher Kontrolle“, kritisierte Mike. Er erzählte mir, wie sein Volk, die Ureinwohner Neuseelands, von der Klimakrise bedroht ist.

Mike Smith gilt bei den Maori Neuseelands als Ältester oder Chief. Die beeindruckenden Tätowierungen im Gesicht beschreiben Herkunft und Status. „Wer sich damit auskennt, kann sofort erkennen, woher ich komme. Bei uns gehört es nicht zum guten Ton, zu viel über sich selbst zu sprechen“, lacht der 63 jährige. Den Begriff Chief rückt er zurecht: „Wir sagen auch Ranghatira, was bedeutet, dass wir nicht von oben herab führen. Unsere Aufgabe ist es, eine Gruppe zusammen zu halten und darauf zu schauen, dass alle zusammenarbeiten. Wir betrachten uns eher als Mediatoren.“ Die Aufgabe eines Ranghatira sei es, sich im Hintergrund zu halten, zu zu hören und als Letzter zu sprechen. Vier mal im Jahr treffen sich alle Chiefs des Landes, um wichtige Themen zu besprechen. „Ich bin für das Thema Klimawandel zuständig“, erklärt Mike. Er erzählt, dass die traditionellen Häuser der Maori zumeist entlang der Flüsse gebaut werden, die ins Meer münden. „Durch den steigenden Meeresspiegel gelangt Salzwasser in das Grundwasser und gefährdet unsere Versorgung.“ Viele Maori sind arm und dadurch auch stärker durch den Klimawandel gefährdet. „Sie gehen fischen und teilen den Fang mit den Nachbarn“, erzählt Mike. „Das Gemeinschaftsgefühl ist sehr groß.“ Ein weiteres Problem ist der Brauch der Maori, ihre Toten entlang der Küste zu begraben. Durch den steigenden Meeresspiegel werden die Überreste freigelegt. „Es gibt Bäume bei uns, die 3000 Jahre alt sind und die sich nicht so schnell an die steigenden Temperaturen anpassen können. Wenn die Bäume sterben, sterben auch wir.“ Auch die Tierwelt sei von der Klimakrise betroffen. „Als ich ein Kind war, war der Himmel voller Vögel. Jetzt sind sie fort.“

Für die Ureinwohner Neuseelands ist das Meer und seine Bewohner heilig, sie leben vor allem von Fischfang. In den Gewässern Neuseelands tummelt sich eine bunte Artenvielfalt, rund 80 Prozent der heimischen Biodiversität des Landes befindet sich in den Meeren. Die Küste vor Taranaki etwa ist der einzige Nahrungsgrund für Blauwale in Neuseeland – und somit besonders wichtig für diese Tiere. Die Meeressäuger sind die größten Tiere der Welt, sie werden 24 bis 30 Meter lang. In der Nähe befindet sich zudem ein wichtiger Lebensraum von Maui-Delfinen. Diese Delfinart gehört mit nur mehr rund 60 Tieren zu den gefährdetsten weltweit. Durch Öl-Bohrungen wären diese Tiere massiv gefährdet.

„Wir Maori betrachten alle Menschen als Teil unserer Familie und sehen es als unsere Pflicht, in Zeiten der Not zu helfen.“ Nach jahrelanger Unterdrückung der Ureinwohner Neuseelands wird die Kultur der Maori nun wieder entdeckt, und mit ihr Werte wie Gemeinschaft und die Gewissheit, dass alles miteinander verbunden ist. Whakapapa nennen das die Maori; Kaitiaki wiederum bedeutet die aktive Pflicht, sich um andere zu kümmern. „Egoismus und Gier sind unsere größten Probleme, da nützt uns auch die Wissenschaft nichts“, ist Mike überzeugt. Bekannt sind die sogenannten Maraes, Versammlungsstätten der Maori. Bei Naturkatastrophen wie Zyklonen, die sich durch die Klimaerwärmung häufen, oder Erdbeben stehen die Türen der Marae weit offen. „Bis zu 300 Menschen können dort schlafen und versorgt werden“, erzählt Mike.

Das geplante Gespräch mit OMV-Geschäftsführer Rainer Seele wurde kurzfristig abgesagt. Wenig später kam die Nachricht vom Rückzug der OMV aus der Ölförderung in Neuseeland – nicht jedoch aus der Gasförderung. Im Vorfeld hatten neuseeländische Klima-Aktivisten und die Umweltorganisation Greenpeace wiederholt gegen die Öl- und Gasbohrungen der OMV vor Neuseeland protestiert. Laut Greenpeace-Klimasprecher Adam Pawloff ist die OMV einer der sogenannten Carbon Majors. „Das sind die 100 größten fossilen Unternehmen, die für 70 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich sind.“ Emissionen, die die Klimakrise weiter anheizen.

Was aus der Klage gegen den OMV-Chef wurde, ist mir nicht bekannt, doch eines ist gewiss: Mike Smith hat mit diesem Präzedenzfall ein Zeichen gesetzt. Der streitbare Maori fand zum Abschied eindringliche Worte: „Der Klimawandel ist die größte Bedrohung für die Menschheit. Wir dürfen nicht länger warten.“

(c)privat

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