Kippen für den Müll

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Beinahe ein Viertel der Österreicher raucht regelmäßig, weltweit werden jährlich rund 5 Billionen Zigaretten geraucht. Mit schwerwiegenden Folgen für Mensch und Umwelt.

Ein Frühlingstag auf einem Grazer Spielplatz: Das warme Wetter hat viele Familien ins Freie gelockt, überall wuseln kleine Kinder herum. Zwei rauchende Väter stehen etwas abseits, einer schnippt den Rest seiner Zigarette sorglos ins Gras. Ein kleines Mädchen, das die Beiden beobachtet hat, krabbelt herbei und hebt den Stummel neugierig auf, riecht daran. Der herbeieilende Vater kann das Kind gerade noch davon abhalten, sich den Stummel in den Mund zu stecken. „Das war der Moment, in dem ich mir dachte: ‚So kann das nicht weitergehen‘, erzählt Georg Jillich. Die Schrecksekunde war der Auslöser für den Vater, die „Tschickstummelchallenge“ ins Leben zu rufen.

Gift für die Umwelt

Allein in Wien landen einer Hochrechnung der Wirtschaftsuniversität zufolge jährlich rund 500 Millionen Kippen auf dem Boden und in der Natur. Weltweit sind es laut der Weltgesundheitsorganisation WHO unglaubliche 4,5 Billionen Zigarettenstummel jährlich, die weggeworfen werden. Und sie sind überall: in Parks, auf Spielplätzen, auf öffentlichen Wiesen und Stränden. In einem Zigarettenfilter finden sich bis zu 4.000 schädliche Stoffe, darunter Teer, Nikotin, Blei, Arsen, Blausäure und Dioxin. Dieser giftige Mix kann bei Verschlucken zu Durchfall und Erbrechen bei Kleinkindern führen und für Hunde oder Vögel sogar tödlich enden. Zigarettenreste wurden bereits im Magen-Darm-Trakt von Fischen, Walen oder Meeresschildkröten gefunden. Die Auswirkungen auf die Umwelt sind ebenfalls verheerend: Zigarettenfilter bestehen aus Celluloseacetat, einem schwer abbaubaren Kunststoff. Es dauert viele Jahre, bis die Filter zerfallen. Die aus dem Rauch gefilterten Giftstoffe werden dabei freigesetzt und gelangen mit dem Regenwasser in den Boden und in Gewässer. Eine Kippe kann zwischen 40 und 60 Liter sauberes Grundwasser verunreinigen. Eine Studie der San Diego State University ergab zudem, dass ein einziger Zigarettenstummel in einem Liter Wasser innerhalb von vier Tagen die Hälfte aller darin schwimmenden Fische töten kann.

Zigarettenfilter wurden in den 50er Jahren eingeführt, weil sie das Rauchen angeblich gesünder machten – das behaupteten zumindest die Tabakfirmen. Für die WHO ist das jedoch Betrug: Die Filter hätten das Rauchen erleichtert und damit mehr Menschen abhängig gemacht. Heute machen sie laut WHO 30–40 Prozent des Gesamtmülls aus, der in Städten und an Stränden vom Boden gesammelt wird. Damit sind sie gleich nach Plastiksackerl die am häufigsten weggeworfenen Einwegartikel aus Kunststoff.

Strafen für weggeworfene Zigaretten

Nur langsam steigt das Bewusstsein für die Auswirkungen von achtlos weggeworfenen Zigarettenresten. In Wien bemüht sich die MA48 seit Jahren um das Thema: „Jedes Jahr im Frühjahr starten wir eine Kampagne, um mehr Bewusstsein für herumliegenden Müll zu schaffen“, sagt Ulrike Volk von der MA48 in Wien. In der Bundeshauptstadt gibt es bereits über 20.000 Papierkorb/Ascher-Kombinationen und knapp 2.000 freistehende Aschenrohre. Während im Jahr 2009 nur etwa 6,6 Millionen Zigarettenstummel in den Aschenbechern landeten, waren es 2018 bereits über 123 Millionen Stück. In Wien gilt das „Wiener Reinhaltegesetz“, das ein ausdrückliches Verbot von Verunreinigen im öffentlichen Raum vorsieht. Zahlreiche „Waste Watcher” sind auf den Straßen Wiens unterwegs, um abzumahnen, Organstrafen zu verhängen und notfalls Anzeige bei der zuständigen Oberbehörde der Abteilung Wasserrecht zu erstatten. Statt sie auf die Straße zu werfen, sollten Zigarettenfilter in einem Mistkübel entsorgt werden, und zwar im Restmüll und nicht in der Biotonne – auch nicht im Gully, da sie das Abwasser verschmutzen. Das Entsorgen von Müll auf dem Boden oder in Gewässern kann in Wien eine Strafe von 50 Euro nach sich ziehen, einen Zigarettenstummel aus dem Autofenster zu werfen, kostet 75 Euro.

Gesundheitsgefahren

Dass Rauchen der Gesundheit schadet, ist mittlerweile bekannt, auch die Gefahren des Passivrauchens werden zunehmend bewusst. „Aktuell sterben jedes Jahr weltweit rund acht Millionen Menschen durch den Tabakkonsum“, heißt es auf der Homepage der WHO, „1,2 Millionen davon an den Folgen von Passivrauch.“ Die WHO hat ein Rahmenübereinkommen zur Eindämmung des Tabakrauchens verfasst, das auch von Österreich ratifiziert wurde. Es umfasst Maßnahmen wie die Erhöhung der Tabaksteuer, Rauchverbote, die Sensibilisierung durch Massenmedien, die Umsetzung von Verboten für alle Formen der Verkaufsförderung, sowie die Unterstützung bei der Raucherentwöhnung. Was in dem Abkommen allerdings fehlt, ist die Bewusstmachung der von Zigarettenstummeln ausgehenden Gefahren für Gesundheit und Umwelt. Auch in der aktuellen EU-Plastikverordnung, die Einwegplastik wie Strohhalme oder Plastiksackerl verbietet, sind Zigarettenfilter kein Thema.

Alternativen und Lösungsansätze

Ökologische Filter: Eine Alternative zu Kunststofffiltern bieten ökologische Filter, beispielsweise von der Firma Greenbutts. Sie bestehen aus reinen Naturfasern wie Flachs, Hanf, Baumwolle und Holz, verklebt sind sie mit natürlicher Stärke. Nach Angaben des Herstellers verrotten die Filter schon nach etwa einem Monat. Auch große Hersteller konventioneller Filter wie OCB und Gizeh bieten eine ökologische Variante an, die bei uns allerdings nur als lose Filter zum Selbstdrehen erhältlich sind.

Pfand für Zigaretten: Eine Petition fordert: 20 Cent pro Kippe an Pfand, das heißt etwa 4 Euro Pfand pro Packung sowie die Ausgabe von Taschenaschenbechern als Transportmittel für Asche und Kippenreste, zudem das Recycling von Zigarettenkippen

Recycling: Das Unternehmen TobaCycle etwa sammelt Zigarettenreste in eigenen Behältern, um sie wieder zu verwerten – bisher nur in Deutschland.

Aschenbecher für unterwegs: In Schwechat und umliegenden Gemeinden erhält man seit Beginn des Jahres „TAschenbecher“, verschließbare Behälter für Asche, kostenlos auf den Gemeindeämtern.

App: Die Initiative Clean dein Wien bietet die App „Litterati“ für das Sammeln von Zigarettenstummel an.

Protestaktionen: Organisationen wie Greenpeace organisieren regelmäßig Sammelaktionen für herumliegenden Müll.

Raucherentwöhnung: Es gibt zahlreiche Methoden, die beim Abgewöhnen des Rauchens helfen, wie die Schlusspunkt-Methode, Hypnose oder eine Nikotinersatztherapie.

E-Zigaretten sind nur bedingt zu empfehlen: Die Flüssigkeit, die in E-Zigaretten verdampft wird, enthält in großen Mengen das Lösungsmittel Propylenglykol, aus dem bei starker Erhitzung das wahrscheinlich krebserregende Formaldehyd wird – das beim Rauchen auch in die Luft gelangt und von Anderen eingeatmet wird.

Dieser Artikel ist im Magazin Konsument erschienen.

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1 Kommentar

  1. es ist unglaublich: EIN Zigarettenstummel verseucht 40 bis 60 Liter Trinkwasser!! unfassbar, wenn man bedenkt wieviele Stummel in der freien Natur / in Parks etc. herumliegen! UND: den Pfand für Zigaretten finde ich eine sehr interessante und wichtige Initiative. allerdings sollten Zigarettenpackungen generell in Österreich noch teurer werden. Da liegen wir preislich gegenüber z. B. Großbritannien noch weit zurück …

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