Kritik an Greta Thunberg – Meine Antwort

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Kürzlich kursierte ein offener Brief der Journalistin Kornelia Kirchweger an Greta Thunberg in den sozialen Medien, in dem sie auch die TeilnehmerInnen der Klimastreiks kritisiert. Hier ist meine Antwort:
Liebe Frau Kirchweger,
ich habe Ihren offenen Brief mit Verwunderung gelesen. Lassen Sie mich auf die einzelnen Punkte eingehen:
Gleich im ersten Satz sprechen Sie im Zusammenhang mit Greta Thunberg vom “Glauben an eine vermeintliche, alles zerstörende Klimakrise“. Glauben? Vermeintlich? Aktuellen Studien des Weltklimarats IPCCC zufolge übertrifft diese Klimakrise, im Zusammenspiel mit einer umfassenden ökologischen und sozialen Krise, alle Befürchtungen. Das Überleben der Menschheit steht auf dem Spiel.
Zu Ihrer Aussage “Mit Tränen in den Augen beschuldigst Du „Uns“ pauschal”: Greta Thunberg spricht in ihrer vieldiskutierten Rede vor der UNO („How dare you“) in erster Linie die dort anwesenden Politiker und Politikerinnen an und prangert sie völlig zurecht für ihr Versagen beim Klimaschutz an. Warum fühlen Sie sich persönlich angegriffen?
Dieses sechzehnjährige Mädchen spricht Dinge aus, die für Viele unangenehm sind. Sie weiß mehr über die Umwelt- und Klimakrise als die meisten Politiker und fühlt sich hilflos angesichts ihrer Untätigkeit. Ich kann es ihr nicht verdenken, dass sie emotional wird.
Sie behaupten, Gretas Generation sei es, die „diese Wegwerfgesellschaft am Leben erhält.“ Ich erlebe es anders, wenn ich mit Anhängern und Aktivistinnen der Fridays for Future-Bewegung spreche, zu denen auch meine Tochter gehört. Sie machen sich Sorgen um ihre Zukunft und sind bereit, auf den Lebenswandel zu verzichten, der uns in diese Krise geführt hat. Viele essen kein Fleisch, fliegen nicht mehr oder wollen keinen Führerschein machen. Meine fünfzehnjährige Tochter macht sich Gedanken darüber, ob sie angesichts der ungewissen Zukunft Kinder in diese Welt setzen soll – obwohl sie gerne welche hätte.
Sie schreiben „Du und Deine Altersgenossen leben in einem nie dagewesenen, materiellen Überfluss, den ihr wie selbstverständlich beansprucht und Euren Eltern abverlangt.“ Das Gleiche gilt umgekehrt: Viele Eltern kaufen ihren Kindern wie selbstverständlich Dinge, die gar nicht notwendig sind oder bringen ihre Kinder mit dem Auto zur Schule – weil sie es nicht anders kennen und sich auch keine Gedanken darüber machen. Wir Eltern sind Vorbilder für unsere Kinder, wenn wir unseren materiellen Überfluss hinterfragen, werden sie es auch tun. Tatsache ist, dass unsere Generation (ich bin Jahrgang 1968) den Weg für den Überfluss, in dem wir heute leben, erst ermöglicht und unterstützt hat. Und auch wir profitieren davon – nicht nur die Jugend.
Sie schreiben: „Eure Schränke sind voller Kleider, von Kindersklaven in Asien genäht. Eure coolen Smartphones und Tablets landen regelmäßig als Schrott in den armen Ländern. Alles, was ihr im Überfluss habt und fordert, wird mit CO2-Ausstoss produziert und zumeist importiert. Gerade Ihr seid deshalb kein Vorbild für eine klimafreundliche Gesellschaft.“ Wollen Sie damit sagen, dass wir Erwachsenen keine Smartphones und Kleider besitzen, die in Asien genäht wurden? Dass wir nicht Dinge kaufen, die wir nicht brauchen und viel zu viel davon einfach wegwerfen?
Zum Glück gibt es immer mehr Menschen, die unser ausbeuterisches Wirtschaftssystem hinterfragen, viele Erwachsene solidarisieren sich bereits mit dem Protest der Jugend und schließen sich den Klimastreiks an – mich eingeschlossen. Die Umwelt- und Klimakrise betrifft uns alle und wir sind gefordert, Veränderungen von der Politik einzufordern. Wie ich in meinem aktuellen Buch „Zukunft wird mit Mut gemacht“ erkläre, reicht es nicht mehr aus, nachhaltig zu leben und zu konsumieren. Der Druck auf Politik und Wirtschaft muss steigen. Wir brauchen Menschen, die die Sorgen und Ängste der Jugend ernst nehmen und teilen, statt sie ins Lächerliche zu ziehen. Menschen, die sich für eine lebenswerte Zukunft einsetzen.
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1 Kommentar

  1. Sebastian W. on

    Ich finde es super, dass wir einen vornehmlich zahlenbasierten Diskurs über eine sinnvolle und realistische Zukunft führen, aber die Stilblüten, die Unwissenheit und Empörung so treiben sind wirklich unerträglich. Vielen Dank für den Versuch des Widerspruchs gegen Frau Kirchweger, wenngleich ich beiden Argumentationslinien nur bedingt folgen kann.

    Seit Ende des 2ten Weltkriegs hatten wir bis in die 70er Jahre im Schnitt 8% Wirtschaftswachstum in den Industrienationen. Dieses Wachstum, gemessen im Bruttoinlandsprodukt BIP ist, was unsere Politik und unsere Gesellschaft seit dem treibt und treibt und treibt. Das BIP erfasst statistisch sämtliche messbare ökonomische Realität, also jede Aktivität mit einem lokalen „Wertbeitrag“ in jedem Sinne inkl. Drogenhandel und Korruption. Aber eben die (negativen) Auswirkungen auf die Umwelt nicht. Unsere Gesellschaft ist nach über 2.000 Jahren Evolution auf einem Niveau angekommen, auf dem es insgesamt nicht mehr gesund weiter geht und wo die Erde als Heimat dieser Gesellschaft als erste schon heute deutlich sichtbar leidet.

    Ob es 1,5 Grad oder 2 sind, ob es die Eltern oder die Kinder oder doch die Chinesen waren, die zuletzt nicht das beste Vorbild dargestellt haben, ist völlig irrelevant. Entweder, wir definieren Freiheit und Zukunft neu und leiten daraus ein Set an Kennzahlen ab, gegen die wir global und lokal unser Handeln messen oder wir werden sehr düstere Zeiten erleben. Unsere (Jahrgang 1975) Kinder und Enkel, aber auch wir noch. Greta Thunberg oder ihre Einflüsterer haben darauf zuletzt am aufmerksamsten hingewiesen und dass íst gut so, aber lange noch nicht genug.

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