Unbeschreiblich weiblich

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Weibliche Monatshygiene wird oft totgeschwiegen – warum eigentlich? Immerhin ist es ein Thema für die Hälfte der Erdbevölkerung. Und mit Einschränkungen und Hindernissen für viele Frauen verbunden.

Einmal im Monat betrifft es jede Frau: die Menstruation. Oder „erdbeerwoche“, wie Annemarie Harant und Bettina Steinbrugger ihr Start Up nennen. „Wir fanden alle anderen Bezeichnungen für diese wichtige Phase im Leben jeder Frau zu technisch, also sahen wir uns nach Alternativen um.“ Mit dem Begriff Erdbeerwoche, der im norddeutschen Raum verwendet wird, wurden sie fündig. 2011 gründeten die zwei Frauen ihr Start Up, ihre Vision: Frauen sollen über die Vorteile nachhaltiger Frauenhygiene Bescheid wissen und Zugang zu den Alternativprodukten ihrer Wahl haben.

Gesundheitsrisiken und ökologische Probleme

Eine Frau benötigt im Schnitt in ihrem Leben zwischen 10.000 und 17.000 Binden oder Tampons; der Großteil wird konventionell und ohne Rücksicht auf ökologische oder gesundheitliche Auswirkungen hergestellt. Tampons bestehen aus Zellwolle, Viskose und/oder Baumwolle. Es ist bekannt, dass beim Anbau von Baumwolle große Mengen an Pestiziden zum Einsatz kommen. Jedes Tampon ist von einer synthetischen Schicht umgeben ist, die das Ein- und Ausführen erleichtert und verhindert, dass der Zellstoff in der Scheide auseinanderfällt. Diese Hüllen werden aus Polyester, Polyethylen und/oder Polypropylen hergestellt. Die synthetischen Fasern der Tampons werden mit dem Toxischen Schocksyndrom (TSS) in Zusammenhang gebracht, einer durch Tampons ausgelösten bakteriellen Infektion, die zwar sehr selten ist, aber tödlich verlaufen kann. 2009 hat „Öko-Test“ in zwei Tampon-Produkten „krebsverdächtiges Formaldehyd“ entdeckt. In zehn Marken wurden halogenorganische Verbindungen gefunden, zu denen auch die gefürchteten Dioxine zählen. „Die Rückstände könnten aus der Bleiche der Fasern mit Chlorverbindungen stammen“, heißt es bei Öko-Test. Alternativen zu herkömmlichen Tampons und Binden wären Produkte aus Bio-Baumwolle. Doch viele Frauen legen bei ihrer Nahrung oder bei der Kleidung Wert auf nachhaltige Produktion – nicht aber bei der Monatshygiene, die ihre empfindsamsten Körperteile betrifft. Das mag daran liegen, dass dieses Thema viel zu lange tabuisiert wurde. „Das Bewusstsein dafür wächst jedoch“,  ist Bettina Steinbrugger überzeugt. „Im deutschsprachigen Raum erlebt die Menstruationskappe derzeit einen Boom. Und in Finnland tragen bereits 20 Prozent der Frauen diese Alternative zu Tampons.“ Menstruationskappen oder -tassen sind kleine Becher, die wie Tampons in die Vagina eingeführt werden und das Blut auffangen. Das Social Business Ruby Cup hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menstruationstassen in Entwicklungsländern an die Frau zu bringen – beim Kauf eines Cups wird ein weiterer an eine Frau verschenkt.

Andere Länder, andere Sitten

In anderen Ländern sind Frauen froh, wenn sie überhaupt Zugang zu Monatshygiene haben. In Ruanda können 19 Prozent der Mädchen nicht zur Schule gehen, wenn sie ihre Tage haben – weil sie sich keine Hygieneprodukte leisten können. Viele Mädchen und Frauen verwenden alte Lappen, Zeitungen oder Lehm statt Binden. Es gibt kein sauberes Wasser in der Nähe der Toiletten, um sich zu reinigen oder Möglichkeiten, Hygieneprodukte zu entsorgen. Besonders in Indien oder Nepal werden Mädchen und Frauen während ihrer Periode stigmatisiert: in manchen indischen Dörfern müssen sie auf dem Fußboden vor der Haustüre schlafen, in Nepal werden Frauen während der Periode in Hütten oder Ställe verbannt. Nur rund 10-20% aller indischen Frauen verwenden Monatshygieneprodukte; in ländlichen Teilen Indiens bricht laut einer Studie der WHO und UNICEF eines von fünf Mädchen die Schule ab, nachdem sie ihre Periode bekommen hat.

(c)erdbeerwoche

Abhilfe möchte ausgerechnet ein Mann schaffen: Der Inder Arunchalam Muruganantham hat eine einfache Bindenmaschine erfunden, mit der erschwingliche Monatshygiene produziert werden kann – und die Arbeitsplätze für Frauen schafft. Aus seiner Idee wurde ein globales Social Business: Über 1.000 seiner Maschinen sind bereits in Indien im Einsatz, um Frauen das Leben zu erleichtern, einige hundert auch im Ausland. Mit seiner Erfindung hat Muruganantham es auf die Times Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt geschafft. Bettina Steinbrugger und Annemarie Harant haben ihn besucht: „Muruga ist überzeugt davon, dass Aufklärung und die Enttabuisierung der Menstruations einen wichtigen Schlüssel zum Empowerment der Frauen darstellt“, erzählt Steinbrugger. „Seiner Meinung nach sollten sich Entwicklungs- und Schwellenländer nicht auf den Bau von Straßen oder Hochhäusern konzentrieren, sondern lieber auf die Selbstbestimmung und Emanzipation von Frauen.“

Angesichts dieser globalen Probleme haben wir westlichen Frauen es um vieles einfacher. Wir können entscheiden, welche Art von Monatshygiene wir benutzen und wie wir mit unserem Körper umgehen.

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