Ist Verzicht der neue Luxus?

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In meiner Arbeit – und auch privat – beschäftige ich mich ausführlich mit Nachhaltigkeit im Alltag. Dazu gehört auch die Frage: Was brauche ich für ein gutes Leben?

In Beiträgen und Diskussionen über einen nachhaltigen Lebensstil wird Verzicht oft als der neue Luxus angepriesen, ein Leben in einfachen Verhältnissen als die Lösung aller (Umwelt-)Probleme. Doch ganz so einfach ist es nicht. Natürlich können wir uns immer wieder zu fragen, was wir wirklich brauchen und nicht alles kaufen, was uns die Werbung aufschwatzen will. Es ist nicht notwendig, jedes Jahr ein neues Handy zu kaufen oder das protzigste Auto zu fahren – oder überhaupt ein Auto zu besitzen. Wir können bei jedem Einkauf entscheiden, wie sich unser Konsumverhalten auf die Umwelt und die Arbeitsbedingungen in den Herstellerländern auswirkt.  Und hier liegt der Haken beim Verzichtsdenken: wenn wir Dinge weglassen oder gebraucht kaufen, schonen wir damit zwar Ressourcen und damit die Umwelt. Wir übersehen aber, dass Menschen in Bangladesh oder China, die unsere Produkte erzeugen, auf unsere Unterstützung angewiesen sind. Hier setzt der faire Handel an, wie Lisa Muhr, Geschäftsführerin des Fairtrade-Modelabels Göttin des Glücks, mir im Interview erklärte: „Alternativen wie Upcycling, Cradle to Cradle, Tauschen oder auch der Verzicht auf Konsum sind natürlich prinzipiell eine positive Entwicklung. Sie schaden aber auch unserem Geschäft in der nachhaltigen Nische, die nur ganz langsam wächst“. Anders ist es bei Produkten, zu denen es (noch) keine nachhaltige Alternative gibt – wie etwa elektrische und elektronische Geräte. Hier zahlt es sich tatsächlich aus, zu hinterfragen, was wir wirklich brauchen oder auch einmal ein Gerät zur Reparatur zu bringen.

Weg von der Verschwendung hin zu nachhaltigen Produkten

Sehr oft wird ein einfaches Leben mit einem geringen Einkommen gleich gesetzt. Dabei wird gerne übersehen, dass das Leben hierzulande nicht immer billig ist – wenn man nicht gerade als Aussteiger fernab der Zivilisation lebt. Was ist also falsch daran, gut zu verdienen – immer mit einem Auge auf die Work Life Balance, wohlgemerkt – und mit dem Geld einen Beitrag für eine bessere Gesellschaft zu leisten? Nicht nur mit dem Kauf von nachhaltig erzeugten Produkten, sondern auch in Form von Spenden oder finanzieller Unterstützung für Organisationen und Menschen, die es nicht so gut haben. Für  jene, die mit ihrem Geld haushalten müssen, gilt es, einen Mittelweg zu finden: weg von der Verschwendung und von billig erzeugten Produkten, die wir ohnehin nicht brauchen, hin zu hochwertigen Erzeugnissen, die nachhaltig produziert wurden – und daher meist auch teurer sind. Vielleicht zahlt es sich aus, bei unserer inneren Zufriedenheit anzusetzen. Wenn wir nicht mehr so viel Wert auf Äußerlichkeiten legen, müssen wir uns nicht ständig mit anderen vergleichen. Das heißt noch lange nicht, dass wir uns nichts gönnen dürfen – denn ein erfülltes Leben kann auch darin bestehen, sich hin und wieder etwas zu leisten, das die Seele streichelt. Das mag eine Massage sein, eine Tanzstunde, ein Konzert oder eine Reise. Und auch hier gibt es oft Alternativen: in Tauschkreisen etwa werden Produkte und Dienstleistungen getauscht.

Diese Gedanken führen auch zu der Frage, ob eine Wirtschaft ohne Wachstum möglich ist, wie es etwa Wachstumskritiker Niko Paech fordert. Jeffrey Sachs, renommierter Ökonom und Leiter des UN Sustainable Development Solutions Network meint dazu: „Es ist einfach zu sagen, dass wir kein Wirtschaftswachstum benötigen. Fragen Sie doch mal Menschen in Entwicklungsländern, die 15 Stunden am Tag auf dem Feld arbeiten. Ich bin der Meinung, wir brauchen Wachstum – aber ein nachhaltiges.“

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