Geht da noch was?

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Je näher mein 50. Geburtstag rückt, desto seltsamere Verhaltensweisen lege ich an den Tag. Ich tue Dinge, die ich zuletzt vor mindestens 20 Jahren getan habe: mir denselben Film mehrmals hintereinander im Kino anzusehen oder in verrauchten Lokalen zu verkehren, obwohl ich Nichtraucherin bin.

Manchmal fühle ich mich wie Faust (Zwei Seelen wohnen, ach!, in meiner Brust): Wenn ich wieder einmal alles liegen und stehen lassen möchte, um in ein Land (irgendeines!) auszuwandern, in dem immerfort die Sonne scheint – und im nächsten Moment bis über beide Ohren in meine Heimatstadt verliebt bin. Oder wenn ich die kleinen Rituale meines Alltags genieße und gleich darauf glaube, vor Langeweile sterben zu müssen. Neulich ertappte ich mich in einem jener Raucherlokale dabei, wie ich die Frau hinter der Bar beobachtete und mir für einen kurzen, aber denkwürdigen Moment ihren Job wünschte.

Und immer wieder der Gedanke: War’s das jetzt? Dann stelle ich alles in Frage: mein – zugegebenermaßen nicht schlechtes – Leben in einer der lebenswertesten Städte der Welt, einer schönen Wohnung, mit Mann, Kindern und einem Job, der mir die meiste Zeit Spaß macht. Geht da noch was? Ich träume von Aufbruch, von Reisen (das allerdings, seit ich denken kann), vom Leben in der Natur und Abenteuern ohne Ende. Meine Familie holt mich mit schöner Regelmäßigkeit auf den Boden der Realität zurück. Wenn meine Tochter mir mit ihren pubertären Verrücktheiten mein eigenes Verhalten widerspiegelt oder mein Sohn mir einen Vortrag darüber hält, wie wichtig es sei, sich für Wünsche und Ziele einzusetzen.

Ich brauche diese kleinen Abenteuer wie die Luft zum Atmen

Und dann merke ich wieder, wie einfach es sein kann, frischen Wind in den Alltag zu bringen – ohne gleich ans andere Ende der Welt reisen zu müssen. So wie neulich, als ich beim Laufen auf meiner Lieblingsstrecke in Bad Ischl eine spontane Idee hatte. Ich kletterte einen steilen Waldhang hinauf, um von ganz oben einen Blick auf das Tal zu werfen. Während ich hinauf klettere, immer darauf bedacht, auf dem weichen und rutschigen Untergrund Halt zu finden, fühle ich mich wie bei einer Expedition auf den Kilimandscharo. Ich zwinge mich dazu, nicht zu oft hinunter zu sehen, weil ich sonst dank meiner nicht unbeträchtlichen Höhenangst weiche Knie bekäme. Und als ich den höchsten Punkt erreicht habe, mich von der Sonne wärmen lasse und meinen Blick über den Fluß hinüber zu den Bergen schweifen lasse, ist da ein Gefühl von Stolz. Und dann Unsicherheit: werde ich wieder runter kommen? Auf dem Weg nachhause zitterten meine Knie zwar von der ungewohnten Anstrengung, aber mir wurde klar: diese kleinen Abenteuer, das Ausbrechen aus der alltäglichen Routine, ist es, was ich brauche wie die Luft zum Atmen.

Und ich bin überzeugt davon: Älterwerden bedeutet nicht das Ende aller Träume. „Die Lebensmitte ist die Zeit der Bilanzierung, und damit auch die Chance zum Neustart“, sagt die Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello. Gut so. Denn ich werde nie aufhören, das Beste aus meinem Leben zu machen. Ich möchte einen Roman schreiben, all die Länder besuchen, die noch auf meiner Liste stehen – und vielleicht sogar meinen Traum vom Leben am Meer umsetzen. Das Geschenk, das ich mir selbst zu meinem 50er machen werde (in einem Jahr ist es soweit), steht jedenfalls schon fest: es soll eine längere Reise werden, über die ich auch schreiben werde. Wohin genau, ist noch nicht entschieden – ich halte euch auf dem Laufenden.

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