Und doch… eine Liebeserklärung

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Vor mehr als 30 Jahren wurde der Grundstein meiner Beziehung zu den Vereinigten Staaten gelegt, die zwischen Verliebtheit und kritischer Betrachtung schwankt.

Es war in den 80ern, als ich, geplagt von pubertären Sehnsüchten,  im Kino das Musical „Hair“ sah. Ich verliebte mich sofort in die unbändige Lebenslust und den Freiheitsdrang, die in der Geschichte transportiert werden. Und war überzeugt: das ist Amerika! Ich war 15 und besessen von der Idee, die weite Reise zu machen. Wie passend, dass bald darauf unser Englischlehrer Broschüren eines Schüleraustauschprogrammes austeilte. Und meine Eltern sich dazu bereit erklärten, mir ein Schuljahr in den USA zu finanzieren – in den 80er-Jahren eine große Sache. Womit ich nicht gerechnet hatte: Ich durfte meinen Aufenthaltsort nicht selbst wählen. Statt in der großen Stadt landete ich im hintersten Winkel Amerikas: in Alabama. Lernte im tiefsten Süden der Vereinigten Staaten, in einem kleinen Ort namens Childersburg das ländliche Amerika kennen – und damit eine Seite von vielen. Zu der gehörte, dass Beziehungen zwischen Weißen und Schwarzen unüblich waren und meine (liberale, aber um mich besorgte) Gastfamilie mir nahelegte, mich nicht zu oft mit meiner farbigen Freundin Jennifer zu zeigen. Ich lernte viel über das Land und seine Leute in diesem Jahr, und auch wenn ich froh war, zu meinen Freunden und meinem alten Leben zurück zu kehren, zog es mich bald wieder in dieses Land.

Traumhafte Landschaften und skurrile Gesetze

(c)Susanne Wolf

„Amerika ist alles und das Gegenteil von allem“, schreibt Milena Moser in ihrem autobiographischen Roman „Das Glück sieht immer anders aus“. Dieses Land ist so vielfältig, dass man es nicht über einen Kamm scheren kann – und es überrascht mich immer wieder. Es kann liberal und weltoffen sein oder rückständig und verkorkst – je nach Bundesstaat. Als meine Schwester nach Arizona auswanderte, war das ein willkommener Anlass für mich, das Land regelmäßig zu besuchen. Die Winterurlaube im Südwesten des Landes mit Temperaturen um die 20 Grad retteten mich jahrelang über die langen heimischen Wintermonate hinweg. Ich lernte Naturschönheiten wie den Grand Canyon oder das Monument Valley kennen und verliebte mich in die endlosen Weiten dieses Landstriches. Zu Arizona gehörte auch das quasi nicht existente öffentliche Verkehrsnetz der Hauptstadt Phoenix oder skurrile Gesetze wie jenes, das besagt, dass Eltern sich vor ihren Kindern nicht nackt zeigen dürfen. Bei einem meiner Besuche reiste ich weiter nach San Francisco und tauchte für ein paar Tage ein in das unvergleichliche Flair dieser Stadt.

(c) Susanne Wolf

Ein anderes Mal machte ich Zwischenstation in New York City – ein Ort, der bis heute eine beinahe magische Anziehungskraft auf mich ausübt. Ich lernte eine weitere Seite Amerikas kennen: Weltoffenheit, ein friedliches Nebeneinander unterschiedlichster Kulturen – und die legendäre Freundlichkeit der New Yorker. Ich bekomme oft zu hören, dass die Amerikaner in ihrer Freundlichkeit oberflächlich seien. Das mag für manche Gegenden stimmen, in New York jedoch spürt man die Aufgeschlossenheit an jeder Ecke. Ich jedenfalls zog diese amerikanische Eigenart der so typischen heimischen Grantlerei immer vor.

Sehnsuchtsort New York

(c) Susanne Wolf

Kein einziges Mal während meiner zahlreichen USA-Aufenthalte bekam ich eine Waffe zu sehen – nicht dass ich darauf geachtet hätte – nie fühlte ich mich unsicher oder geriet in eine gefährliche Situation. Ich erinnere mich gut an meinen ersten New York-Besuch vor über 20 Jahren: Damals genoss die Stadt einen zweifelhaften Ruf, man hörte von Raubüberfällen und bestimmten Gegenden, die man besser mied. Ich bewegte mich vorsichtig durch die Stadt, immer in dem Bemühen, nicht zu sehr aufzufallen oder als Touristin erkennbar zu sein. Doch schon bald legte ich meine Scheu ab und streifte mit einer Selbstverständlichkeit durch die Stadt, die mir bis heute geblieben ist. New York hat seinen schlechten Ruf längst abgelegt und gilt heute als eine der sichersten Städte der USA.

„The guy whose name is not to be mentioned“

Nur eine Zugstunde entfernt verändert sich das Bild abermals: In Suffolk County, Long Island haben 52,5 Prozent Donald Trump gewählt, „the guy whose name is not to be mentioned“, wie unsere Freunde ihn nennen. Am Tag nach der Wahl fanden sie eine riesige US-Flagge auf dem Rasen vor ihrem Haus. „Das war die Art unserer Nachbarn, uns zu zeigen, wer hier der Boss ist.“ Matt und Terri wohnen in Bay Shore an der Südküste, einer der vielfältigsten Städte auf Long Island. Weiße, Schwarze und Latinos leben hier Seite an Seite, zur Stadt gehören neben den christlichen Gemeinden eine Moschee und eine Synagoge. Ich lerne eine neue Seite der USA kennen: Gemischte Städte wie Bay Shore sind auf Long Island die Ausnahme, Immobilenmakler sorgen dafür, dass die verschiedenen Ethnien getrennt leben. „Redlining“ wird diese Praxis auch genannt.

(c) Susanne Wolf

Auch wenn ich die politische Entwicklung mit Sorge verfolge, zieht es mich doch immer wieder in die Vereinigten Staaten. Noch längst habe ich nicht alle Orte besucht, die mich interessieren: New Orleans und Louisiana; Santa Fe, New Mexico; Los Angeles. Aus Protest gegen Trump nicht mehr in die USA zu reisen, käme mir nicht in den Sinn. Würde das etwas ändern? Vielmehr möchte ich mir selbst ein Bild davon machen, wie seine Präsidentschaft sich auf die Menschen auswirkt. Und selbst im konservativen Long Island ist der Widerstand allerorts spürbar, wie dieser Aufkleber zeigt: „Trumps Lies Matter“.

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